Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer

Ihm ist etwas gelungen, woran viele passionierte Sprachspieler vor ihm gescheitert sind. Trotz der sehr strengen Vorgabe, die Palindrome bedeuten, hat Meyer stellenweise Gedichte von beachtlicher Poetizität verfasst. Novembertage, Restaurantimpressionen, Hormone – alles Texte, die den Leser nicht mit dem üblichen palindromesken Nonsens kujonieren, sondern mit thematischer Kohärenz überzeugen und überdies sogar stellenweise mächtig lyrische Power entfalten wie das Silbenpalindromgedicht Stefan George: »Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer.« Das sind Verse über den Meister, die andere nicht einmal regelfrei hinbekämen! »Elegienobel«, »liberalklare Bildnisse«, »Gendarmspiegelung« – der Band ist voller großartiger Kreationen, die Titus Meyer findet und erfindet trotz und dank seines Prokrustesbetts.

(…) Und es ist große Kunst, die Meyer zeigt, groß und kompromisslos. In den Buchstabenpalindromen arbeitet er nicht bloß phonemisch, sondern streng graphemisch, das heißt er löst ein »ch« nicht auf in die kontextsensitiven Laute /x/ bzw. /ç/, sondern behandelt sie als Einzelbuchstaben. Damit nicht genug veredelt er seine Texte mitunter sogar mit klassischen Stilmitteln wie der Verswiederholung – und das in einem Buchstabenpalindromgedicht! Da haben berühmte Vorgänger noch gehofft, der Leser möge »so genaue nicht« hinsehen. / André Hatting, Risse H. 35

Titus Meyer: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung, Leipzig: Reinecke & Voß, 2015, 88 S., 10,00 €.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: