Geist über Kunst

Moderation von Peter Geist zur Lesung von Thomas Kunst im Peter-Huchel-Haus am 17.11.

In diesem Jahr erlaubt sich der gerade 50 Jahre alt gewordene Thomas Kunst, den geneigten Leser mit gleich zwei neuen Büchern betören zu wollen, einer als „Roman“ deklarierten „Freie Folge“ und einem „best of“ seiner mehr als dreißigjährigen Lyrikproduktion. Beide Neuerscheinungen stehen heute im Zentrum unseres Interesses.

„Nenn es, wie du willst. Aber mach es / mit Liebe“ Dieser Vers aus einem meiner Lieblingsgedichte von Thomas Kunst, der „Nizeser Apathie“, dünkt mir Poetik in nuce, Leitfaden durch das Werk und Gebrauchsanleitung für das Lesen in einem zu sein. Ich erlaube mir deshalb, diesen Satz daufhin auseinanderzunehmen, in welcher Weise er das Oeuvre des Dichters anleuchtet:

a) “Nenn es”: Thomas Kunst ist ein Meister des Benennens. Seine rhetorischen und metaphorischen Figuren stützen sich vornehmlich auf Substantive und Substantivkonstruktionen. Haupt- und Dingworte nannte man man früher die Substantive, und fürwahr: Ähnlich wie in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ werden immerfort Dinge erschaffen, die, miteinander verbunden, Narrationsinseln bilden, dann Kontinente, Galaxien. Dabei fällt die Häufung von zwei Arten von Nennwörtern ins Auge: Zum einen sind es Worte, die möglichst genau bezeichnen können: Deutsche Jagdverordnungen, rumänische Geographie und Geschichte, Produktionsabläufe in einer Zuckerfabrik, grönländische Traditionen – ich staune über ein Detailwissen, das akribisch in die Texte gestreut wird. Zum anderen sind es Aromaworte oft exotischer Provenienz, Worte, die Musik sind, die leuchten oder schmecken, allen voran die Namen von Figuren, Briefadressaten oder angeredeten Dus in der lyrischen Rede.

b) „wie du willst“: Nie lässt Thomas Kunst den Leser /Hörer im Unklaren darüber, dass die Absicht des Benennungswerkes eine demiurgische ist. Wenn die narrativen Passagen und Bruchstücke unabdingbar für Verständnisreferentiale sind, so bilden sie gleichsam den Pflichtpart, dem die Kür als spielerisches Entgrenzungsgeschehen im Kunst-Lauf folgt. Deshalb setzt Kunst in der Prosa epipherische Warnzeichen als Wiederholungsfigur a la „X zu beschreiben, würde zu weit führen“ oder „und was weiß ich noch alles“ (S. 175). Denn hingelenkt werden soll auf die tollen Sprünge, Pirouetten, auf die waghalsigen Spiralen und anmutigen Gleitbewegungen, die vor den Augen des geneigten Lesers vollführt werden, Labsal, Leichtigkeit, Entzückung schenkend. Die „Freie Folge“ ermutigt zu freiem Folgen unglaublichster Kunst-Stücke eines „Sinnlichkeitsgauklers“ (Nachwort Gedichte)

c) „Aber mach es“: Kunstens Literatur ist eine, die ihr Gemachtsein nicht verbirgt, im Gegenteil. In „Freie Folge“ stellt er seine Handwerkszeuge in einer Offenheit aus, die jeden Gattungstheoretiker schier zur Verzweiflung bringen müsste: Genrebild und action-Passage, kursivierte Brieftexte, Escort-Anzeigen und Sonette, Litanei und Langgedicht werden munter verwirbelt, und natürlich ist der Leser angehalten, bei jedem Genrewechsel zu fragen, warum, warum macht er das? Ja, auch um das Machen selbst vorzuführen! Dann aber führt ein literaturgeschichtlicher Verweisungszweig unweigerlich zur „progressiven Universalpoesie“, in der sich die literarischen Gattungen gegenseitig durchdringen wie in die Gefilde der Philosophie, Ästhetik und spezialisierten Wissensgebiete mäandern. Kühne Gegenentwürfe zu einer durchrationalisierten, vertikal wie horizontal kleinteilig spezifizierten Lebens- und Arbeitswelt, wie sie Ende des 18. Jahrhunderts erstmals aufschien und im 21. Jahrhundert zur Scheinperfektion gebracht wurde, immerfort bedroht durch ihre Schattenseiten der Entfremdung von der Natur und dem anderen, von den Arbeitsinhalten und Sinngehalten menschlichen Tätigseins. Und wie Novalis´ Heinrich von Ofterdingen ist Thomas Kunst ein Sänger des Humanen, nur dass er statt mit der Leier mit der E-Gitarre zugange ist und um alle Modernisierungen der Sprachwerkzeuge weiß. Wie bei Novalis aber ist das gemacht ausgestellte Wortwerk immer auch ein Gegenentwurf zur Außenstellung des Menschen durch die instrumentalisierten Werkworte.

d) „mit Liebe“: Das Wort „Liebe“ ist das Zentralgestirn in Kunstens Poesie-Kosmos. Er selbst bekennt im Nachwort der vorliegenden Gedicht-Auswahl: „Aber man hat heute größere Chancen, vom Literaturbetrieb wertgeschätzt zu werden, wenn man bildungsgesättigte, traditionsbemühte, wissenschaftsanbiedernde und dechiffrierbare Themen verhandelt, als sein ganzes Leben lang nur Liebesgedichte und Tiergedichte zu schreiben. Ein Gedicht ist für mich ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren. Nüchternes Metapherngeflimmer in beruhigter Normalsprache, die blinkt.“ Ergänzt sei, dass die Tiergedichte vorzugsweise von Tieren im und am Meer handeln, also Wale, Robben und Hunde, dass die Minidramen der erfüllten oder verschmähten Liebe sich vorzugsweise ereignen in Hafenstädten, auf Inseln und am Meeresstrand.

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