Dichtung als „mögliche Welt“

In seinem 1951 veröffentlichten Essay über „Probleme der Lyrik“ qualifiziert Gottfried Benn die Sprachkunst der Moderne als ein strenges Handwerk, das sich zwar hauptsächlich an formale Kriterien halte, dabei aber, bei all seiner Willkür, stets auf den Grundimpuls eines „dumpfen schöpferischen Keims“ angewiesen bleibe. Worte, so heisst es bei Benn, gehören zum Rüstzeug des Autors, sie müssen von ihm vollkommen beherrscht und „artistisch“ eingesetzt werden. Dennoch sind sie mehr als nur sprachliches Roh- und Baumaterial ‒ „sie sind einerseits Geist, aber haben andererseits das Wesenhafte und Zweideutige der Dinge der Natur“. Das ist eine eher vage Funktionsbestimmung, ist eher Behauptung denn Erklärung, doch wie wäre das „Dumpfe“, das „Schöpferische“ definitorisch zu fassen, ohne es in seiner unentwegt „keimenden“ Lebendigkeit und Wirkungskraft einzuschränken?
In der künstlerischen Literatur kommt auktoriale Willkür ganz offenkundig zum Tragen, Willkür – zum Beispiel ‒ bei der Durchsetzung von zeiträumlichen Fakten, Verhältnissen und Abläufen, die in der erfahrbaren Realität „unmöglich“, in der Möglichkeitswelt jedoch durchaus „real“ sind. Der literarische Autor, ob Grosschriftsteller, hermetischer Lyriker oder unbedarfter Schreiberling, kann zum Beispiel, wie Alexandre Kojève einst in Bezug auf „das Buch“ generell ausgeführt hat, „jenen Hund unter diesen Tisch setzen, selbst wenn beide in diesem Augenblick durch eine Entfernung von tausend Kilometern voneinander getrennt sind. Nun ist aber diese dem [sprachlich verfassten] Denken eigene Macht, die Dinge zu scheiden und wieder zu verbinden, tatsächlich ‚absolut‘, denn keine wirkliche verbindende oder abstossende Kraft ist mächtig genug, um sich ihr zu widersetzen.“
Auf solche Art, meint Kojève, schaffe und gestalte der Autor als schöpferischer Mensch innerhalb der real gegebenen („natürlichen“) Welt eine mögliche („kulturelle“) Welt, die ebenso singulär und konsistent sei wie jene. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich künstlerische Autorschaft durchaus als eigenmächtiges Schöpfertum begreifen, dessen Hervorbringungen, möglich und real zugleich, einen spezifischen, zutiefst paradoxalen Wirklichkeitsstatus haben. Mit dem Sozialphilosophen Albert O. Hirschman könnte man in diesem Zusammenhang von einer besondern Spielart des „Possibilismus“ reden, der die Erforschung der Wirklichkeit konsequent mit der Befragung der in ihr angelegten Möglichkeiten verbindet.
Doch schon bei Robert Musil findet sich (in „Der Mann ohne Eigenschaften“) die Forderung, den empirischen Wirklichkeitssinn durch den „Möglichkeitssinn“ dezidiert zu erweitern, das heisst eine sinnliche Fähigkeit zu entwickeln, „alles, was ebensogut [wie die Wirklichkeit] sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“. Am höchsten sieht Musil diese gemeinhin unterschätzte Fähigkeit bei Kindern und Träumern entwickelt; am ehesten müssten aber Künstler und Literaten dafür disponiert sein, sich auf Möglichkeitswelten nicht nur einzulassen, vielmehr solche auch zu schaffen.

aus: Felix Philipp Ingold, „Autorschaft und Weltenschöpfung: Von der Wirklichkeit möglicher Welten in der Literatur“ (VOLLTEXT, 3/2015).

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