In Saudi-Arabien

Weltweites Aufsehen erregt (…) der Fall des Bloggers Raif Badawi, dem trotz aller Proteste weitere Auspeitschungen drohen. Ein im Ausland dagegen kaum bekanntes Opfer der Zensurpolitik ist der weit ältere und im Land sehr geschätzte Publizist Zuhair al Kutbi, der seit Juli in Haft sitzt – ohne Angabe von Gründen.

Trotz aller Zensur ist die saudische Medienlandschaft heute so lebendig wie noch nie. In Saudi-Arabien gibt es derzeit rund zweitausend elektronische Zeitungen, von denen nur etwa ein Drittel gültige Genehmigungen besitzt. So zumindest die Version des Kultur- und Informationsministeriums, das unlängst mit der Ankündigung für Aufsehen sorgte, viele dieser Internetportale schließen zu wollen. Ein Großteil davon, so die Begründung, werde wegen Fixierung auf lokale und Stammesangelegenheiten den nationalen Interessen des Landes nicht gerecht. Und häufig seien ihre Betreiber journalistisch nicht ausreichend qualifiziert.

(…)

Anfang August hat das Blatt [„Al Riyadh“] angesichts der steigenden Popularität des Frauentheaters, das aber nach wie vor nur Geschlechtsgenossinnen besuchen dürfen, für „Theateraufführungen für die ganze Familie“ plädiert – ein mögliches Signal dafür, dass bald auch in Saudi-Arabien gemeinsame Theaterbesuche von Männern und Frauen erlaubt werden sollen. Die kulturelle Wende, für die das saudische Theater nur ein Beispiel ist, war im August auch auf dem jährlich stattfindenden Okaz-Festival in Taif bei Mekka nicht zu übersehen. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die an die dortige mittelalterliche Tradition arabischer Dichterversammlungen anknüpft, wurde ein einstündiges Theaterstück aufgeführt, in dem zu Beginn der legendäre vorislamische arabische Dichter Labid als noch junger Mann auftrat und eines seiner Werke vortrug (zum Islam ist Labid der Überlieferung nach erst später übergetreten, was hier wohlgemerkt nicht thematisiert wird). Anschließend stürmten zu Swingmusik westlich gekleidete Tänzer auf die Bühne, die den Auftritt der eigentlichen Protagonisten des Stücks ankündigen: Es waren der libanesisch-amerikanische Schriftsteller Amin al Rihani (1876 bis 1940), sein arabischer Kollege Nofal und die berühmten französischen Orientforscher Charles Huber und Antoine-Isaac Silvestre de Sacy, die auf der Bühne al Rihani bezüglich eines Gedichtfragments von Labid um Rat angingen. Der Autor des Bühnenwerks, der Saudi Saleh Zamanan, schickte dann alle vier auf eine Zeitreise. Dabei begegneten sie dem älteren Labid, der, über die Dichtkunst philosophierend, das Fragment seines Gedichts aus jungen Jahren fortschrieb.

Die dargestellten westlichen Orientalisten, bei arabischen Konservativen eher verhasste Figuren, beeindrucken in dem Stück durch ihre Gelehrtheit: Der ihnen auf diese Weise in Taif entgegengebrachte Respekt gilt wohl dem Westen insgesamt, dem sich Saudi-Arabien mit wachsendem Eifer kulturell anzunähern versucht. / Joseph Croitoru, FAZ

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: