Pound gegen seinen Lobredner verteidigt oder Wider die Verächter der Technik

Kurt Drawert lobt (in der Frankfurter Anthologie) ein Gedicht, das jedes Lob verdient, Ezra Pounds „In einer Station der Metro“. Doch halt – jedes vielleicht doch nicht. Dieses auf keinen Fall:

Natürlich hatte Pound keine Sekunde daran gedacht, einen lyrischen Parallelismus zu verwenden, so wie auch ein Vogel nicht daran denkt, wie er seine Flügel bewegt, wenn er im Flug unterwegs ist. Aber er hat eben dadurch ein wunderbares Gedicht hinterlassen…

„Natürlich“, „ich singe wie der Vogel singt“… ??? Natürlich ist nichts. Nichts ist natürlich. Es mag Dichter geben, die von sich denken, sie „sängen“ sozusagen ganz natürlich wie der Fisch im Wasser schwimmt und der Vogel in der Luft segelt. Ezra Pound oder zum Beispiel Bertolt Brecht wußten, daß das Schwebende im gelungenen Gedicht alles andere als Natur ist. Der Pommer Otto Lilienthal studierte den Flug der Vögel, weil er verrückt genug war zu denken, der Mensch könne fliegen lernen. („Der Mensch ist kein Vogel, es wird nie ein Mensch fliegen“, sagte der Bischof den Leuten in einem Gedicht von Brecht.)

Ich weiß nicht, ob Kurt Drawert beim Dichten merkt, wenn ihm hier eine Alliteration, dort ein Parallelismus unterläuft. Ein Gedicht entsteht sowieso sehr selten, ein Gedicht wird gebaut. Das griechische poiein heißt nicht schweben, sondern machen, tun, hervorbringen, produzieren, verursachen

ποιέω , Dor. ποιϝέω  IG4.800 (Troezen), etc.: Ep. impf.

A.ποίεον”  Il. 20.147; …

Used in two general senses, make and do.

A. make, produce, first of something material, as manufactures, works of art, etc. (opp. πράττειν, Pl.Chrm.163b), in Hom. freq. of building, π. δῶμα, τύμβον, Il.1.608,7.435; “εἴδωλον” Od.4.796; π. πύλας ἐν [πύργοις] Il.7.339; of smith’s work, π. σάκος ib.222; “ἐν [σάκεϊ] ποίει δαίδαλα πολλά” 18.482, cf. 490,573: freq. in Inscrr. on works of art (…)2. create, bring into existence, “γένος ἀνθρώπων χρύσεον” Hes.Op.110, cf. Th.161, 579, etc.; “ὁ ποιῶν” the creator, Pl.Ti. 76c; “ἕτερον Φίλιππον ποιήσετε” D.4.11:—Med., beget, “υἱόν” And.1.124; “ἔκ τινος” Id.4.22; παῖδας ποιεῖσθαι, = παιδοποιεῖσθαι, X.Cyr.5.3.19, D.57.43; conceive, “παιδίον π. ἔκ τινος” Pl.Smp.203b:—Act. in this sense only in later Gr., Plu.2.312a; of the woman, παιδίον ποιῆσαι ib.145d.

3. generally, produce, ὕδωρ π., of Zeus, Ar.V.261: impers., ἐὰν πλείω ποιῇ ὕδατα, = ἐὰν ὕη, Thphr.CP1.19.3; π. γάλα, of certain kinds of food

4. after Hom., of Poets, compose, write

II. bring about, cause, “τελευτήν” Od.1.250; “γαλήνην” 5.452; “φόβον” Il.12.432; “σιωπὴν παρὰ πάντων” X.HG6.3.10; “τέρψιν τοῖς θεωμένοις” Id.Mem.3.10.8; “αἰσχύνην τῇ πόλει” Isoc.7.54, etc.; also of things (…)

In der Herkunft der Wörter steckt mehr Weisheit als unser common sense zulassen mag. Und vollends bei Pound ist die Vorstellung eines freischwebenden besinnungslosen Schöpfungsaktes daneben, Schliff, Rubbish, Nonsense. Pound war ein poeta doctus, nicht in der Bedeutung von leerem Bildungsgut, sondern im Sinne von Reflexion, Kunstverstand, Bewußtheit. „Glaube nicht“, riet er den Dichtern schon 1913, „daß die Dichtkunst irgendwie einfacher wäre als die Musik, oder daß du den Fachmann erfreuen könntest ohne mindestens ebensoviel in die Verskunst investiert zu haben wie der durchschnittliche Klavierlehrer in die Kunst der Musik. (…) Halte dich lieber an den Wissenschaftler als an den Agenten, der Werbung für ein Stück Seife entwirft. (…) Ich glaube an Technik als Beweis für die Ehrlichkeit eines Menschen; an das Gesetz, wenn es auffindbar ist; an das Niedertrampeln jeder Konvention, die das Auffinden des Gesetzes oder die präzise Umsetzung des Impulses behindert oder verdunkelt.“ (A Retrospect)

Für Pound war es geradezu der Unterschied zwischen dem ernsthaften Dichter und dem unernsten, daß jener nach Art des Naturwissenschaftlers herangeht. „Wenn man versucht, den Unterschied zwischen ernsthafter und unernster Arbeit zu bestimmen, tönt es, ‚das ist bloße Technik‘. Dabei ist es geblieben. In England ist es 300 Jahre dabei geblieben. Die Leute wollen lieber nach Patentrezept behandelt werden als nach wissenschaftlichen Methoden. Man sagt ihnen von Zeit zu Zeit, daß die Kunst nicht gegen Gottes heiligste Gesetze verstößt. Sie wollen sich nicht von Fachleuten sagen lassen, welche Kunst gut ist. Sie wollen nicht über das „Stilproblem“ nachdenken. Sie wollen ‚Den Wert der Kunst für das wirkliche Leben‘ und überhaupt ‚wesentliche Themen’“ (The Serious Artist). Pound mißtraute dem literaturwissenschaftlichen oder, wie wir hier sagen würden, feuilletonistischen Reden über Kunst (im Englischen macht man den Unterschied nicht so). Um „mit wissenschaftlicher Präzision“ über „Prosa und Vers“ zu reden, müßte man wenigstens „eine vollständige Abhandlung über die Kunst des Schreibens“ verfassen, in der man jedes Wort so exakt definiert wie die Termini in der Chemie. „Deshalb sind alle Essays über ‚Poesie‘ im allgemeinen nicht nur langweilig, sondern auch ungenau und völlig nutzlos. (…) Wenn der Rhythmus, oder wenn die Melodie oder die Abfolge der Vokale und Konsonanten tatsächlich die Spur der Empfindung trägt, die das Gedicht vermitteln will, sagen wir: das ist ein gutes Kunstwerk. Und dieser ‚Teil des Werks‘ ist immer noch ‚Technik‘. Jene ‚trockene, langweilige, pedantische‘ Technik, gegen die alle schlechten Künstler wettern. Es ist nur ein Teil der Technik: Rhythmus, Kadenz und Klangkomposition.“ (The Serious Artist) – „Als die Universität von Paris lebendig war (sagen wir zur Zeit von Abaelard), versetzten selbst höchst technische Spezialdebatten das Publikum in freudige Erregung.“ (The Teacher’s Mission)

Man denke auch an die Unterscheidung zwischen Melopoia, Phänopoia und Logopoia als spezifische Weisen und Techniken, den Vers mit Bedeutung aufzuladen (z.B. in: How to read). – „Die geeignetste Methode, Lyrik und gute Literatur zu studieren, ist die Methode der modernen Biologen, also sorgfältige Untersuchung der Materie mit eigenen Händen und unaufhörlicher Vergleich einer Probe oder Art mit der anderen.“ (ABC of Reading)

Das besagt nicht, daß alle Poesie wie die Pounds entstehen oder gesehen werden muß, es besagt nur, daß Pound nicht aus dem Bauch dichtete, wie sein Lobredner unwidersprochen suggeriert.

/ Michael Gratz

Zum Weiterlesen:

  • Ezra Pound: ABC des Lesens. Arche Verlag, Zürich 2013. ISBN 9783716025116. Gebunden, 144 Seiten, 14,95 EUR
  • Literary Essays of Ezra Pound. Edited with an introduction by T.S. Eliot. New York: New Directions, 1968

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