Kultur-Imperialismus

SZ: Was hat Sie motiviert, sich auch in Ihrem dritten Roman mit dem Islamismus in Westafrika auseinanderzusetzen?

Ousmane Diarra: Der Schmerz hat mich dazu gezwungen. Als die Islamisten Anfang 2013 zwei Drittel des malischen Territoriums besetzten und Intellektuelle, Musiker und Künstler mit dem Tod bedrohten, ließ ich einen anderen, bereits begonnenen Roman liegen. Es fühlte sich an, als sei ein Teil meines Körpers verstümmelt und abgetrennt worden. Die Schönheit und Kraft Malis: Sie schöpfte doch immer aus unserer Vielfalt, aus diesem bunt gewebten Teppich unterschiedlicher Kulturen. Und nun kamen diese Verrückten, um Mausoleen einzureißen, unser säkulares Erbe zu zerstören, der traditionellen Sinnlichkeit Malis den Garaus zu machen.

Sie deklarieren Ihr Buch als Fiktion. Dennoch könnte es sich auch um eine Innensicht aus dem Machtbereich von Boko Haram handeln…

Manche Gräuel übertreffen längst jede schriftstellerische Imagination. Dabei steckt ein hartes politisches Kalkül hinter dem religiösen Wahn. Gewisse arabische Staaten fördern den islamischen Fanatismus mit viel Geld, sie schicken ihre Prediger zu uns und errichten überall in Westafrika ihre Moscheen. Geht es da wirklich um Religion? Ich sehe vor allem einen Kultur-Imperialismus am Werk, der das alte, tolerante Afrika zu zerstören droht.

(…)

1950 waren noch 80 Prozent der malischen Bevölkerung Animisten, heute sind die Malier zu 90 Prozent Muslime. Wie kam es zu diesem Umschwung?

Materielle Vorteile spielen eine große Rolle. In meinem Dorf hat Kuwait die Errichtung moderner Brunnen finanziert. Einmal im Jahr, an einem Freitag, versammelt sich das Dorf um die Ältesten. Dann initiieren sie die Jungen in das traditionelle Wissen, in unseren Kult. Seit 20 Jahren schicken die Kuwaitis genau an diesem Tag ihre Techniker zur jährlichen Brunnenwartung. Natürlich lehnen die Ältesten stets ab. Denn – defekte Brunnen hin oder her – die Kette der Tradition darf um keinen Preis abreißen. Wir Bambara haben Initiationslager für Mädchen und Jungen, feiern üppige Hochzeiten und Feste: Sie binden die Jugendlichen in die Gemeinschaft ein. Hier können sie ihre jugendliche Energie auf gute Weise abreagieren. Wenn das wegfällt, treten im schlimmsten Fall Organisationen wie Boko Haram in die Lücke.

Idealisieren Sie da nicht das ursprüngliche Afrika?

In Paris wie Mekka wurde die animistische Tradition gerne als „Barbarei“ und Hindernis für Zivilisation und Fortschritt verunglimpft. Dabei stellt sie das tolerante Herz Afrikas. Wenn wir sie aufgeben, dann verliert nicht nur Mali seine Seele.

/ Süddeutsche Zeitung 16.7.

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