Rezensionsautomat

Wenn man Gedichte maschinell erzeugen kann, dann stellt sich die Frage, ob und wie man auch das andere große Feld des Literaturbetriebs, die Rezension literarischer Texte, automatisieren kann. Die Rezension ist eine der ältesten und immer noch effektivsten Waffen im Arsenal der schriftlich geführten Auseinandersetzung um kulturelle Produkte. Seit etwa 250 Jahren stellt sie eine eigene Textsorte dar. Grund genug, sie in das System Literatur mit einzubeziehen. Der Rezensionsautomat Censeo wurde von Stephan Krass, der an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe die Literatur betreut, gemeinsam mit Studenten entworfen und in einem dreisemestrigen Projektseminar gebaut. Genero und Censeo, der Gedicht- und der Rezensionsautomat, bilden nun ein in sich geschlossenes Paradigma, in dem Maschinen schreiben und kritisch besprechen, was geschrieben wurde – nur findet das Spiel genau umgekehrt statt. Am Anfang steht nicht das Gedicht, also der literarische Text, sondern die Rezension. You press the button the machine does the rest.

„Sie befinden sich hier bei Censeo, dem Rezensionsautomaten. Um das Rezensionsverfahren zu starten, betätigen Sie bitte den orangefarbenen Knopf direkt unter dem Monitor. Nach kurzer Zeit erhalten Sie eine automatisch erstellte Gedichtrezension. Diese wurde mit Hilfe unserer Random-Mode-Technologie generiert. Lesen Sie die ausgedruckte Rezension sorgfältig und begeben sich zu dem Terminal mit der aufgedruckten Aufschrift Genero. Folgen Sie hierzu, den auf dem Boden angebrachten Markierungen.“

Spr. 1
Beim Terminal mit der Aufschrift Genero erhält der ambulante Leser nun das Gedicht zur Rezension. Beide Ausgabetexte sind über die Programmierung von Schlüsselwörtern miteinander verzahnt. Nur ist das Verhältnis eben umgekehrt. Erst kommt die Rezension, dann das Gedicht. Wird in der Rezension z. B. das Stichwort „Vergänglichkeit“ erwähnt, generiert der Gedichtautomat einen poetischen Text mit Begriffen, die zu diesem Wortfeld passen. Die Installation Genero/Censeo ist auch als eine Paraphrase auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb zu verstehen. Denn: droht nicht der Sekundärdiskurs mit einer Flut von Buchbesprechungen, kritischen Essays und Zeitgeist-Diagnostiken längst den Primärtext, den eigentlich literarischen Text, zu verdrängen?

Aus:
SWR2 LITERATUR
DER REZENSIONSAUTOMAT
WARUM LITERATURKRITIK EIN MEDIUM DER MASCHINE IST
VON MATTHIAS GÖRITZ UND NILS MENRAD
SENDUNG /// 19.10.2010 /// 22.05 UHR

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