Poesie als Störfall

Genschel setzt auf die große Verweigerung, auf die Abwehr aller gefälligen Literaturrituale, auf Poesie als Störfall. Den einzigen Weg für eine widerständige Poesie sieht sie im Gekritzel, im Durchstreichen der dichterischen Aura, in der Destabilisierung der Textautorität. Ihre Graphomanie setzt dabei auf einen extremen Minimalismus, auf die immer stärkere Skelettierung der Texte, bis fast nur noch das Weiß einer Heftseite als „Referenzfläche“ zurückbleibt.

Als 2008 ihr Debüt Tonbrand Schlaf in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien, wurden ihre Gedichte vorschnell als selbstbezügliche Marotten und epigonale Aufwallungen im Gefolge Thomas Klings abqualifiziert. Seither arbeitet Mara Genschel an der Sabotage aller Üblichkeiten. Wenn sie zu einer Lesung eingeladen wird, müssen die Veranstalter mit sehr eigenwilligen Auftritten rechnen, langen Schweigepausen, gestischen Schrägheiten, koketten Performances. Bei einem Festival für experimentelle Literatur im österreichischen Linz bestand ihre Lesung mehr aus herausfordernden Blicken ins Publikum als aus der Darbietung von Gedichten. (…)

Übernimmt sie nun die Rolle der provokativen Hofnärrin im konfliktscheuen Lyrikbetrieb? Oder gleicht Mara Genschel doch eher einem angriffslustigen „Samurai“, wie Ann Cotten im Materialband behauptet? Sie erprobt jedenfalls eine ungewöhnliche Exit-Strategie, wie sie auch Bertram Reinecke in seinem einleitenden Essay zum Materialband empfiehlt: „Den Literaturbetrieb schwänzen.“ / Michael Braun, Zeit online*

Bertram Reinecke (Hrsg.): Mara Genschel Material
Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2015; 100 S., 12,00 €

*) Wird das nur später gedruckt oder reservieren sie auch bei der Zeit das Randständige  für das WWW?

#maragenschel, #referenzfläche, #literaturbetrieb, #verweigerung

One Comment on “Poesie als Störfall

  1. Es ist überaus begrüßenswert, dass eine Anthologie zu Mara Genschels die Flachfunkigkeit des Vernichtungsversuchs von H.H. aus dem Jahr 2008 endgültig ad absurdum führt. Eingedenk dessen: Es wäre sicher nicht verkehrt gewesen, auf die Selbstauskünfte Mara Genschels in der Anthologie „Metonymie“ (ersch. 2014, hrsg. von Norbert Lange) einzugehen. — Im Jubliäumsband für Christine Lavant „Und drehe die Herzspindel weiter für mich“ (jüngst bei Wallstein erschienen) finden sich einige Betrachtungen zur Verwandtschaft der Poetik und Poesie von Mara Genschel, Simone Kornappel, Renate Rasp und eben Christine Lavant unter dem Titel „lavant“.

    An Mara bewundere ich seit einem Jahrzehnt die Unbeirrbarkeit vorgeht. Und ich bin nicht so sicher wie Michael Braun, dass sie i-eine Grenze schon erreicht hat; die Textzombierung ist doch nur eine Komponente. Ich erinnere auch an die Kooperation mit Valeri Scherstjanoi, „Vom Nachtalpenweg“. Maras Ansatz ist ja auch nicht berserkerhaft-solitär, gleichrangig zu nennen wären da z.B. Simone Kornappel, Tom Bresemann, Norbert Lange, Ann Cotten, Walter Fabian Schmid. Ohne die gäbs mehr Lyrik in der Welt, also regnendes Papier, gesammelten Schmacht, Taschentuchpflichtiges (sicher nicht nur für die Tränen).

    Und schroff-einzelgängerisch ist Mara eigentlich auch nicht, sondern ausgesprochen diskussionsfreudig; sie mag es nur nicht, wenn man ihr blöd kommt. — Leider entsteht durch einige Formulierungen Michael Brauns auch der Eindruck eines kohärenten Genschel-Stils oder -Sounds, der sich ins monoman Minimalistische hinein versteigt. Gerade aber die Skepsis gegenüber einem probaten Textverfahren, das Vorzeigen von Kunstmitteln (in der Referenzfläche) und die daraus resultierende Stilvarianz- und vielfalt macht diese poetischen Texte (mir) unentbehrlich.

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