Arbeitsbericht

Als wir den Plan (Dirk Uwe Hansens Idee, ich ließ mich zum Mittun überreden) für die Anthologie faßten, war ich neugierig und zugleich skeptisch. Klar, jeder kennt den Namen Sappho und das Fragment mit Mond und Pleiaden. Aber reicht das für produktiven dichterischen Umgang? Es gibt viele Übersetzungen, aber wer sind die Leser? – 2010 hatten 2 jüngere Dichter, Ann Cotten und Roman Graf, auf zusammen fast 10 Seiten ihre Paraphrasen des Pleiadenfragments veröffentlicht. Und dann gab es die berühmte „Sapphozuschreibung“ von Thomas Kling (1996): ab-gesackt, hinab, ist schon der mond und di pleiaden. mitte schon, nacht- rinne stunde. als eine: muß ich schlafn (für Ute Langanky) Aber ob sich das verlängern ließ? Vielleicht war das Material ausgeschöpft? Wir veröffentlichten einen Aufruf: call for poems:

Wir besitzen fast nichts mehr von ihrer Dichtung und wissen noch weniger von ihrem Leben. Und doch: Sappho lässt die Dichterinnen und Dichter, Leserinnen und Leser nicht los. Vielleicht, weil es so verführerisch ist, die Lücken, die die Überlieferung in ihr Werk gerissen hat, zu füllen; vielleicht auch, weil das Wenige, das wir lesen können, so überwältigend schön ist, dass man sich seiner immer wieder vergewissern will; es schafft sich jede Zeit ihre Sappho. Wir möchten gern wissen, welche Sappho unsere Sappho ist. Deswegen planen wir eine Anthologie mit Gedichten, die ihren Ausgang von Sapphos Poesie nehmen; um sie zu vervollständigen, ihr ein Eigenes entgegenzusetzen, sie zu verstehen, mißzuverstehen, umzudeuten, weiterzugeben, was auch immer Ihr wollt / Sie wollen.

Dem fügten wir einige Beispiele zu, die oben eingerückte Fassung von Thomas Kling z.B. oder von Anne Carson: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. und von Ann Cotten: … Es regnet. Es gibt Plejaden. Es gibt mich. Man schläft. … Dann warteten wir ein halbes Jahr, und dann, allmählich, kamen so viele Texte, daß wir auswählen konnten. Besonders viele zu dem Mond-Pleiaden-Fragment, das schon seit über 200 Jahren deutsche Dichter fasziniert. Aber wir wollten keine Mondgedicht-Anthologie. Und es geschah das Wunderbare: viele Dichterinnen und Dichter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten uns ihre Sappho-Gedichte. Männer und Frauen, Jüngere und Ältere, eher traditionell „lyrische“ ebenso wie eher „experimentelle“, man verzeihe die Hilfsbegriffe. Unsere Sappho-Anthologie wurde fast zu einer Inventur gegenwärtiger Schreibweisen. Es macht mir immer wieder und noch immer Spaß, wenn ich darin lese.

Michael Gratz

Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. Hrsg. von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen. Dt./altgriech. Greifswald (freiraum-verlag) 2014. 150 Seiten. 14,95 Euro.

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