sapphozuschreibun‘

Ein Wortkommentar

Thomas Kling:

sapphozuschreibun‘. nachtvorgang

………………………………………….. ab-
gesackt, hinab, ist schon der mond
und di pleiaden. mitte schon, nacht-
rinne stunde. als eine: muß ich schlafn

(für Ute Langanky)

aus: Thomas Kling: morsch. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 67

sapphozuschreibun‘: kling verwendet radikale kleinschreibung und elemente einer privatorthographie. hier „di“ für die, die elision des e in schlafn und das weglassen des g in zuschreibung. ich nehms als performativen akt: gleich das erste wort sagt: dies ist mein reich, hier gelten meine regeln. performativ auch darin, daß man beim vortragen verunsichert wird. wie soll man das aussprechen? auf jeden fall anders als in prosa: soll man. inhaltlich bezieht sich sapphozuschreibung wohl auf die diskussion in der forschung um die echtheit des fragments. ist es von sappho oder wird es ihr nur zugeschrieben? aber zugleich eröffnet es klings poetischen akt. ich, der deutsche dichter, schreibe sappho etwas zu.

nachtvorgang: ist als zweiter teil des titels die inhaltsabgabe, ganz sachlich. der titel ist wie ein schild, auf dem steht: „achtung, hier schreibe ich sappho etwas zu, es handelt von einem nachtvorgang“

abgesackt: die aufteilung auf 2 verse betont den fragmentcharakter. gleichzeitig wieder performatives: herausforderung für vorleser. man kann es nicht wie prosa runterrasseln. soll man vielleicht singen? keine schlechte idee. kling hat gelegentlich auf die verwandtschaft zwischen lyrik und oper hingewiesen. das wort absacken ist umgangssprachlich für sinken, untergehen, auch trinken, chillen. in „schriftsprache“ kann man das wort nicht verwenden. (ansage: meine oper ist keine klassische, sondern eine moderne. hier wird gesungen, aber nicht belcanto!) auch die verdopplung:

abgesackt, hinab: geht in diese richtung. gemeint ist ja nur: der mond ist schon untergegangen.

mitte schon, nacht-/ rinne stunde: es ist mitternacht. schon spät (die zeit vergeht!). die aufteilung gabs schon im originaltext: „mitte der / nacht, die zeit vergeht“ kling verschiebt das enjambement auf den zweiten teil, eigentlich verunklart / „verfälscht“ er den text, es ist ja ein alter text in einer fremden, toten sprache. vielleicht schwer verständlich, vielleicht schwer lesbar; es ist auch nicht sapphos manuskript, sondern eine viel spätere abschrift, die vielleicht durch schreibfehler korrumpiert ist? kling instrumentiert die unsicherheiten, indem er eine eigene „deutung“ schafft (wir erinnern uns, es ist keine übersetzung, sondern eine „zuschreibun‘ „). das gedicht scheint zu stottern, alles wird zweimal gesagt, unsicher, zögerlich gesprochen. 1. der mond ist schon abgesackt / hinab 2. mitte, nacht-/rinne durch das „falsche“ enjambement wird eine doppellesbarkeit erzeugt. erste lesart die hier schon angedeutete: nachtrinne, rinne = Furche, Graben, Grube, Vertiefung. die mitternacht als furche zwischen 2 tagen. zweite: erst danach bemerkt man, daß „rinne stunde“ auch anders gelesen werden kann. es ist jetzt das verb „rinnen“ = fließen, wegsickern, verschwinden, verstreichen. rinne! (imperativ). die zweite lesart also: vergehe (endlich), stunde! es ist ein nachtvorgang. schlaflosigkeit: die kanadische dichterin anne carson, die auch altphilologin ist, übersetzt sapphos fragment 168B so: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. die schlaflosigkeit der (weiblichen) sprecherin hat mit ihrer einsamkeit zu tun, mit ihrem alleinsein, sagt uns der schluß. kling führt das erzwungene alleinsein explizit ein, „muß“ ich schlafn.

als eine: ist nicht „korrektes“ deutsch. der doppelpunkt bei kling erzwingt eine denkpause, wieder verunsicherung des lesers (und ebenso des vorlesers: den doppelpunkt mitsprechen durch stimmführung und mimik). als eine: eine was? als einsame frau

(Michael Gratz)

5 Comments on “sapphozuschreibun‘

  1. Pingback: 5. So sinkt auf Eden die erste Nacht – Lyrikzeitung & Poetry News

  2. abgeschritten. museales | im display

    jade, dunkel grün. grad am grab, trabanten, als jäger
    orion. gemeint ist immer mit. diejenig beobachtete
    im zeitfenster nacht. wenn soweit, sich hergibt: stieg
    über sie, ließ schlafen. setzte fort. waldmanns-

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