Stern des Jazz-Age

„Meine Kerze brennt an beiden Enden. Sie wird die Nacht nicht überdauern“. Sie war der Stern des Jazz-Age, die erste Pulitzerpreisträgerin, der Star der amerikanischen Lyrik. Aber als sie 1950 verarmt und vereinsamt, von Alkohol und Morphium zerfressen, die Treppe herunterstürzt und sich den Hals bricht, wird sie erst am Tag darauf gefunden. Und doch gab es zu ihren Lebzeiten unter den literarisch Gebildeten Amerikas wohl keinen, der nicht wenigstens eines ihrer Gedichte auswendig wusste.

(…) Aber ihre Vorhersage „Meine Kerze brennt … sie wird die Nacht nicht überdauern“ trifft mindestens im angelsächsischen Raum nicht zu. Noch 1944 druckt die US-Armee in einer „Armed Service Edition“ ihre Gedichte in einer Auflage von 140 000 und verteilt sie an die Soldaten. (…)
Nie zuvor war die Flüchtigkeit der Liebe so kaltschnäuzig von einer Frau besungen worden:

And if I loved you Wednesday
Well, what is that to you?
I do not love you Thursday –
So much is true.

And why you come complaining
Is more than I can see,
I loved you Wednesday – yes, but what
Is that to me?

(…)

Sie war keine Frauenrechtlerin. Doch als die New York University sie zum Dr. h. c. macht und ein getrenntes Dinner für die männlichen Ehrendoktoren arrangiert, weist sie die Ehrung zurück: „Ich hoffe, dass ich die letzte Frau bin, die man dazu nötigt, aus dem Becher dieser Ehre die Galle einer solchen Demütigung zu trinken.“

Der Zweite Weltkrieg findet sie endgültig auf der Seite der Politik gegen das noch überwiegende Appeasement. Noch ein Gedicht über die Mörder von Lidice, dann verstummt sie, elf Jahre vor ihrem Tod. In Deutschland machen die Nazis das Erscheinen eines Essays von Rudolph Borchardt unmöglich. Der hatte über Edna geschrieben: „Sappho noch einmal, unglaublich und wirklich – dort seit zehn Jahren ein Klassiker und wir erfahren es nicht einmal.“ (…)

/ Peter Stoltzenberg, Tagesspiegel

Ernst Osterkamp: „Edna St. Vincent Millay“; Deutscher Kunstverlag, Berlin und München 2014, 96 Seiten, 19,90 Euro.

Bei zintzen.org 8 Gedichte englisch/deutsch (Übersetzt von Klaus Bonn)

One Comment on “Stern des Jazz-Age

  1. Schönen Dank, lieber Michael Gratz,
    für Ihren Hinweis auf Edna St. Vincent-Millays Gedichte!

    Noch fröhlicher danken würde ich Ihnen, wenn Sie so nett sein könnten, den wunderbaren Übersetzer Dr. Klaus Bonn auch namentlich hervorzuheben. -Wo sollte dies denn sonst geschehen, wenn nicht in Ihrem einzigartigen Netzmedium „lyrikzeitung & poetry news“…? –

    Nicht ohne „eigenes Interesse“ gebe ich zu bedenken, dass auch der Erscheinungsort, an welchem die Gedichte der Amerikanerin nun sicht- und auffindbar sind, einen ausdrücklichen Hinweis verdient hätte: Mein seit 8 Jahren mit 3.000 Beiträgen um avancierte Literatur bemühtes Weblog „zintzen.org“ – hätte in diesem Zusammenhang eine ausdrückliche Nennung verdient.

    Wir betreiben dieses Projekt ohne einen Groschen Geld mit grossem Engagement: Durch den Umstand, dass wir Arbeit, Zeit, Geld „opfern“ – die Autoren, mein Ehemann als Admin und ich – rücken Werke und Projekte in den Raum der Wahrnehmung die von den wohlbestallten Verwalter von „Literatur und Kunst“ nie beachtet würden.

    Mit Danke und herzlichem Gruss
    Dr. Christiane Zintzen

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