Brodskys Ukraine-Schmäh

Von Michail Ryklin (Auszüge)

(…) 1991/1992, als die Sowjetunion zerfiel, war der sowjetische Exil-Schriftsteller Joseph Brodsky «poeta laureatus» der Library of Congress Washington DC. Sein ganzes Leben hatte er sich, so ein Freund des Dichters, durch «extremen Individualismus, Selbständigkeit im Denken, Originalität und vielleicht sogar Exzentrik» ausgezeichnet. Das Sowjetimperium bestrafte ihn zuerst wegen Schmarotzertums, dann schickte es ihn ins Exil. Viel hatte Brodsky für dieses Reich nicht übrig, ganz im Gegenteil. Er erzählte gern, wie er halb im Scherz die Frage parierte, von wo aus man am besten auf den Kreml schauen sollte: «Aus der Kabine eines amerikanischen Bombers.»

Sein Leben lang hatte Brodsky – vor allem als Dichter, aber auch im Alltag – in sich den privaten Menschen kultiviert. Seine Nobelpreisrede begann er 1987 mit den Worten: «Für einen Privatmann wie mich, für einen, der sein Leben lang die private Existenz jeder Rolle von sozialer Bedeutung vorgezogen hat (. . .), für einen solchen Menschen stellt es eine unbequeme Herausforderung dar, sich auf diesem Podium wiederzufinden.» (…)

Der Zerfall der Sowjetunion hätte diesen inspirierten Diener der Poesie und Individualisten nicht besonders aufgeregt, wäre nicht dieser eine Umstand gewesen: Die Ukraine erklärte ihre staatliche Selbständigkeit!
Anfangs verstand Brodsky nicht, warum ihn dieser Akt so heftig traf und in Wut versetzte: «Alles, was schlecht ist für die Sowjetunion, ist absolut richtig», hatte er seinerzeit über die Bombardierung Kambodschas durch die Amerikaner gesagt. Der Zerfall der UdSSR, so könnte man glauben, hätte ihn freuen müssen, aber nichts dergleichen: Denn die Ukrainer haben sich von Russland und seiner grossen Kultur abgespalten! Wie aus dem «Bollwerk des Sozialismus» plötzlich Russland wurde, hätte Brodsky vermutlich auch selbst schwer erklären können. Ja, diese Reaktion ist emotional und unlogisch und widerspricht allem, was er früher gepredigt hat. Aber die Wut, die tiefe Kränkung verflogen nicht, sondern verstärkten sich noch, und er setzte sich hin und schrieb das Gedicht «Auf die Unabhängigkeit der Ukraine».

Brodsky sagte von sich: «Ich bin Jude, russischer Dichter und amerikanischer Staatsbürger.» Jetzt machte sich der «russische Dichter», der Bewahrer der grossen Kultur, im Juden und amerikanischen Staatsbürger (ein solcher war der Dichter schon seit 1977) mit unerwarteter Stärke bemerkbar. Der Dichter ging daran, den ukrainischen «Chochols» («Schopf», nach dem Haarschopf der Saporoscher Kosaken) im Namen aller Russen zu antworten. (…)
Dass die Ukrainer einfach ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten und selbständig geworden waren, daran glaubte Brodsky nicht eine Sekunde – woher sonst übermannte ihn diese Selbstquälerei: Die Chochols haben, und auch nicht zum ersten Mal, die russischen Brüder gemein betrogen und sich auf die Seite der Feinde geschlagen! Das Gedicht beginnt mit einer Anrede an den Schwedenkönig Karl XII., dessen Armee 1709 bei Poltawa geschlagen wurde: Ja, will der Dichter sagen, damals habt ihr verloren, aber heute, fast dreihundert Jahre später, habt ihr uns dennoch besiegt. Schaut, über der Ukraine flattert die Flagge in denselben Farben, wie eure schwedische: «Gelb-Blau». Aber Schweden liegt ja weit weg von der Ukraine, dagegen sind Polen und Deutschland gleich nebenan, und eben mit den «Fritzen» und den «Polacken» oder «Ljachen» haben die undankbaren Chochols diesmal die Russen verraten. Dort aber erwartet sie nichts Gutes! Mit beispielloser Bosheit, um nicht zu sagen mit Sadismus, zeichnet Brodskys tödlich beleidigte imperiale Phantasie eine Szene der kollektiven Vergewaltigung der Verräter: «Sollen euch jetzt in der Hütte die Fritzen im Chor / Mit den Polacken auf alle Viere stellen, Dreckspack.»

Dann kippt der Dichter über die Chochols*, die Russland angeblich verraten haben, das ganze Arsenal von Ukraine-Klischees aus, über das der Durchschnitts-Kazap** verfügt. Dieses Arsenal ist extrem dürftig und banal: Ruschnik (ein besticktes Handtuch), Karbowanez (ukrainische Währungseinheit bis 1996), Borschtsch (Randensuppe), Ganovenbraut und Knödel. Brodsky, der Aristokrat des Geistes, schreibt diesmal im Namen des gemeinen Mannes; daher die Fülle volkstümlicher Wörtchen und Wendungen.
«Das Kürbismelonen-Volk» (…)

Die Lektüre dieses Gedichts ist ernüchternd: Man versteht plötzlich besser, warum alte russische Bekannte, gestern noch zurechnungsfähig, trunken sind vom Glück der Inbesitznahme der Krim, dafür die ganze Welt brüskieren und in ihrer Ekstase gar nicht merken, wie sie buchstäblich zusehends verarmen. Man wundert sich weniger über die Wirkung der imperialen Anästhesie, wenn man weiss, dass auch der berühmte Dichter, unter Gefährdung seines Rufs als freier und aufgeklärter Denker und von vornherein überzeugt, man werde ihn «falsch verstehen», zum Schreibtisch eilte und auf dem Papier Gefühlen ihren Lauf liess, die er nicht beherrschen konnte. Man möchte seinem Beispiel auf keinen Fall folgen. / NZZ

Der russische Philosoph und Schriftsteller Michail Ryklin, 1948 in Leningrad geboren, lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2014 auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag: «Das Buch Anna». – Aus dem Russischen von Gabriele Leupold.

*) Chochol, russ. хохо́л, Schmähwort für Ukrainer, nach dem Kosakenhaarschnitt

**) Kazap, von kak zap, wie ein Ziegenbock, ukrainisches Schmähwort für Russen

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