73. Zweimal Anne Carson

Sie gilt in den USA und Kanada seit Jahren als eine der wichtigsten Dichterinnen. Anne Carson ist Professorin für klassische Philologie, geehrt mit den wichtigsten Auszeichnungen für Poesie. Nun gibt es gleich zwei Neuübersetzungen von ihr in deutscher Sprache.

Anja Kampmann bespricht sie für den Deutschlandfunk (17.2.). Auszug:

Stärker als in der „Anthropologie des Wassers“ spielt Carson in „Decreation“ Zitate ein, von Aristoteles über Homer, Kant und Keats, was sie selbst als „Gaunerei“ bezeichnet, als „Aussaugen von einem Stück Orange, das einem nicht gehört“. Es geht ihr jedoch vor allem um eine Dokumentationstechnik die den Leser elektrisieren und in Bewegung versetzen soll.

Vor allem der titelgebende Essay „Decreation“ ist eine eigentümliche Erkundung der Geisteswelt dreier Frauen, die Carson in der „Zone absoluten spirituellen Wagnisses“ wähnt; Sappho, die erste unter ihnen, führt die Autorin zu der Frage, welches Wagnis die Liebe vom Selbst verlangt. Es sei dies das Wagnis, „sich selbst zurückzulassen, in die Armut einzutreten“ so Carson.

In der Mystikerin Margerete Porete, die 1310 bei Paris lebendig verbrannt wird, findet sie ein ähnliches Verlangen. Sie hatte in einem Buch die Stufen der Liebe zu Gott beschrieben, bis zur Auflösung der Seele in „ihr Nichts“. Auch hier beschäftigt Carson das „Verlassen der eigenen Mitte“ als aktiver Prozess. In Simone Weil begegnet ihr zudem eine Frau, die „sich selbst aus dem Weg schaffen wollte“. Von ihr entlehnt sie den Begriff der Décréation, was als Prozess der „Rückschöpfung“ übersetzt werden kann; Simone Weil will sich, Zitat, „aus ihrer eigenen Seele zurückziehen“. (…)

In „Décréation“ schafft der Essay die Voraussetzung für den szenischen Teil, eine Oper in drei Akten. Beides greift – nicht nahtlos, aber doch mit großem Zugewinn für den Leser, ineinander über. Allerdings muss die Übersetzerin wie in „Ode an den Schlaf“ das Assoziationsnetz, das bei Carson oft um ein einziges Wort kreist, notwendig beschneiden. Insofern kann man Anja Utler, die viele gute Lösungen gefunden hat, diese Entscheidungen nicht vorhalten, kann sich aber dennoch – in einer so aufwendigen Ausgabe – den englischen Originaltext zur Hand wünschen.

Anne Carson
„Anthropologie des Wassers“,  (Matthes und Seitz, Übersetzung Marie Luise Knott, 130 Seiten, 19,90 Euro
„Decreation“, Fischer Verlag, Übersetzung Anja Utler, 250 Seiten, 24,99 Euro

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