112. Rudolf Borchardt und die Frau

In einer für ihn typischen Denkfigur hat Borchardt sein individuelles Schicksal mit demjenigen seiner Nation identifiziert. Die rasante Modernisierung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der damit einhergehende Verlust aller Verbindlichkeit – das war die Auflösung familiärer Gemeinschaft, wie er sie unmittelbar im Elternhaus erfuhr! Entsprechend verstand er die eigene Ehe auch als kulturpolitische Aufgabe. Borchardt, der Anwalt der Tradition, musste sich auch persönlich fortpflanzen! Seine erste Frau, Karoline, konnte ihm jedoch nach einer Unterleibserkrankung keine Kinder gebären. Als er sich 1918 in Marie Luise Voigt, eine Nichte Schröders, verliebt, taucht deshalb sehr schnell die Idee einer höheren Mission auf. Er, Rudolf, und sie, Marie Luise, gründen mit der Heirat eine Keimzelle, von der die Wiederbringung deutscher Gemeinschaftlichkeit überhaupt ausgehen soll. Es wurde, man glaubt es kaum, eine glückliche Ehe mit vier Kindern, an der zwar nicht Deutschland genas, wohl aber – in dem ihr möglichen Mass – die einsame Seele Borchardts. Das war ziemlich sicher das Verdienst der Frau, die ihn, wie er einmal erwähnt, «mit trockener Bestimmtheit» zu erden verstand: «Löse jetzt keine Weltprobleme, sondern küsse mir die Brust.» / Manfred Koch, NZZ 16.1.

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