40. Kate Tempest

Tempest, bürgerlich Kate Esther Calvert, wurde in Großbritannien zuweilen schon als voice of a generation rezipiert, weil sie das Lebensgefühl der gehetzten und vernetzten jüngeren Altersklassen so gut spiegele. Sie hält davon nicht so viel, wie sie kürzlich im Gespräch am Rande eines Konzerts in Berlin sagte: „Ich versuche einfach, Kunst zu machen, an die ich glaube. Ich habe viel zu sagen, aber ich will nicht für andere sprechen. Die Leute brauchen mich nicht, um für sie zu sprechen.“ Sie redet in breitestem Cockney-Zungenschlag – genauso, wie sie auch rappt.

In „Hold Your Own“ erscheint Tempest nun noch mehr als in ihrer Musik als feministische Dichterin, als Lyrikerin der Postgender-Generation. Teiresias ist der Mythos, auf dem der Band beruht. In der Hesiod-Auslegung der griechischen Sage verwandelt sich die Figur Tereisias erst in eine Frau und dann wieder zurück in einen Mann. Tereisias soll daraufhin die Frage beantworten, welches Geschlecht die größere Lust beim Sex empfinde.

Für Tempests Adaption ist entscheidend, dass „Tiresias“ (engl.) die Körperlichkeit beider Geschlechter erfahren hat. Sie fügt nun der Narration einen Erzählstrang im Heute hinzu und schafft eine Figur, mit der sie männlich und weiblich konnotierte Verhaltensweisen gegenüberstellen kann. (…)

Manchmal klingt die Britin pathetisch (im ursprünglichen Sinne) – dann erinnert sie an Lyriker und Lyrikerinnen der Beatgeneration wie Allen Ginsberg oder Anne Waldman. Manchmal kommt sie ironischer daher wie in „These things I know“: „Don’t read women’s magazines / They’re bad for your stomach“, lautet eine der eingestreuten Lebensweisheiten.

(…) In Großbritannien hofft man ohnehin, sie könne der Lyrik einen Schub geben – für ihr Debüt „Brand New Ancients“ erhielt sie den für das Genre wichtigen Ted Hughes Award. Ins Deutsche übersetzt worden ist die Künstlerin, deren Sprachgefühl einem im Original geradezu entgegenspringt, noch nicht. / Jens Uthoff, taz

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