42. Geistesblitzfrequenz

Mit seiner Eloquenz und der hohen Geistesblitzfrequenz wirkt Steffen Popp auf sein Publikum immer etwas einschüchternd; dabei ist er kein gewiefter alter Fuchs, kein weißhaariger Lyrikdoyen, sondern ein junger Mann, der seine Zuhörerschaft in Erstaunen versetzt, wenn er Querverbindungen zwischen Knotenpunkten der internationalen Geistes- und Literaturgeschichte herstellt, die Möglichkeiten poetischen Denkens und dessen Verhältnis zum Diskursiven auslotet – und seine eigenen Äußerungen zugleich (sprach)kritisch kommentiert.

Einen Moderator braucht Steffen Popp eigentlich nicht, um in Fahrt zu kommen, bestenfalls einen Stichwortgeber – ein Luxus also, dass die Veranstalter des Duisburg-Essener Poet in Residence-‚Spezials’: Zwischenspiel Lyrik für die Abschlussveranstaltung Norbert Wehr eingeladen hatten: Mit seiner Zeitschrift Schreibheft, die seit 1977 (seit 1982 unter seiner Leitung) „avancierte Literaturkonzepte in internationalen Literaturen aufzuspüren versucht“, ist Wehr ein Leuchtturm inmitten der literarischen Unternehmungen im Ruhrgebiet – und könnte selbst abendfüllend erzählen.

(…)

Wer aber waren die poetischen Helden, die Steffen Popp, ähnlich wie Nicolas Born damals Norbert Wehr, ‚auf die Spur’ gebracht haben? Es sei „keine Einzelperson“ gewesen, entgegnet Popp (für Eingeweihte vielleicht etwas überraschend, s.u.) auf die Frage des Moderators, vielmehr die ersten lyrischen Gehversuche auf Vorlesebühnen in Berlin und bei Wohnzimmerlesungen: „Dort erhielt man Kritik von Leuten, die sich besser auskannten.“ Ferner: das Netzwerk um den kookbooks-Verlag. Bei einem Autorencamp am Müggelsee, das von einer kleinen literarischen Gesellschaft ausgerichtet wurde, kam es zum ersten und folgenreichen Zusammentreffen von Steffen Popp und Daniela Seel. Der später von Seel gegründete Verlag brachte ihn mit Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck zusammen, mit denen er 2011 im Merve-Verlag Helm aus Phlox vorlegen wird, bei dem auch Ann Cotten mitwirkte, ein eigenwilliges gemeinschafts-poetologisches Unterfangen, das Grundzüge und Probleme möglicher zeitgenössischer Dichtung einkreist, skizziert und mehrstimmig diskutiert.

Zugleich klären die fünf Lyriker*innen jeweils für sich, aber auch grosso modo die Frage nach den Motiven ihres Schreibens, nach ihren je spezifischen Interessen an bestimmten Modi der Wahrnehmung. Fünf äußerst unterschiedliche Persönlichkeiten seien sich da in der Lyrik begegnet; ihre unterschiedlichen Personalstile und heterogenen Zugriffe auf ihr dichterisches Material hätten sich ausgerechnet das Gedicht als optimales Ausdrucksmedium gesucht. Und welch ein Glück sei so eine Gemeinschaftsarbeit, so Steffen Popp, da nicht wenige Autoren an den hedonistisch-isolierten Produktionsbedingungen von Literatur leiden: allein an einem Tisch arbeiten zu müssen.

Eine Lyrikerin, deren kritischen Blick Steffen Popp ebenso schätzt wie ihr Werk, ist Elke Erb. Als ausgesonderte Buchbestände aus ostdeutschen Bibliotheken wohlfeil zu haben waren, hielt er Vexierbild in der Hand, einen der ersten Gedichtbände der Autorin – und sah hier zum ersten Mal, dass Gedichte sich wie Archipele über die Seiten verteilen können. 2003 habe er in Berlin eine Lesung von ihr gehört – und gemerkt: „Ist die gut!“ Aus dieser Begegnung hat sich eine produktive Dichterfreundschaft entwickelt: Er besucht sie immer mal, sie lesen und beäugen einander mit Wohlwollen. „Es ist eigentlich kaum machbar, aber sie wird immer noch besser!“, sagt Steffen Popp über Elke Erb. Und letztere hat den ersten Zyklus aus seinem jüngsten Gedichtband lektoriert, ihr ist das Titelgedicht gewidmet, das mit Erbs Gedicht „Die wirkliche Möglichkeit“ (aus Sonanz, 2008) in einen Dialog eintritt:

Dickicht mit Reden und Augen

Möglichkeit und Methode überschneiden sich
ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt

kein Sprung ins Dickicht dringt, kein Huf hinaus
kein ausrangiertes Fahrrad betet hier um Ruh
kein altes Lama spuckt, kein junges auch

sie hängen in den Tag, in Baumschaukeln
kein Baum, genau besehen, keine Schaukel, nicht mal
ein sie, nur hängen, Tag

Reden, durch nichts gedeckt, doch lebhaft
Lebewesen fast in einem Dickicht
hängend, hinkend eine, darum nicht weniger wahr
nicht wahr, nicht weniger, nicht – ungerührt

schaukeln oder grasen zur Pflege der Landschaft
oder stehen nur in ihr, schauen herüber mit Augen.

für Elke Erb

Aus: Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Berlin: kookbooks, 2013, S. 38.

Steffen Popp versteht zu loben, wo es angebracht ist: Er würdigt Elke Erb als die „größte lebende deutschsprachige Lyrikern – was Männer einschließt!“ Ihr Gesellschaftsbezug, ihre Radikalität, auch diejenige der Synthese von Leben und Werk als „Gesamtkunstwerk“ – all das hat ihn zutiefst beeindruckt, vielleicht auch, weil er in der Lyrikerin seine Formel von „Poesie als Lebensform“ personifiziert findet, die rasch zum Motto von kookbooks avanciert ist. Ein „nicht unproblematischer philosophischer Topos“, findet Popp, der auf das frühromantische Konzept einer progressiven Universalpoesie zurückverweise: „Die Welt muss romantisiert werden“, heißt es in Novalis’ Fragmenten – doch Popp quittiert: „Nein, bitte nicht!“ Für Wittgenstein war das „Sprechen der Sprache [Teil] einer Lebensform“. Übertragen ins 21. Jahrhundert kann man darunter womöglich eine gelungene Synthese von gesellschaftlichem Leben und poetisch-philosophischem Gebäude verstehen, und da kommt (womöglich) wieder Elke Erb ins Spiel: „Elke Erb und Lyrik: Da passt kein Blatt Papier dazwischen! Sie trennt nicht zwischen ‚Schreibtisch’ und ‚Rest’. „Kann mir das auch passieren?,“ fragte sich Steffen Popp – und winkt resignativ (oder: bescheiden?) ab: seine Generation sei „zu profan“.

(…) / Maren Jäger, literaturkritik.de

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: