85. Ars-Littera-Preis für Peter Salomon

Ars Littera
Verein zur Förderung von Kunst und Literatur
Kalvarienbergstraße 17 B . D-79780 Stühlingen

PRESSEMITTEILUNG

Stühlingen, am 28. Oktober 2014

Der in Konstanz lebende Schriftsteller Peter Salomon erhält den ersten Ars-Littera-Preis für das späte literarische Glück. Gewürdigt wird das seit vier Jahrzehnten andauernde schriftstellerische Wirken des Autors als Lyriker, Prosaschriftsteller, Literaturkritiker, Herausgeber und Literaturdetektiv. Salomon veröffentlichte zahlreiche Lyrikbände, war Mitbegründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift UNIVERS, hat die Buchreihe REPLIK ins Leben gerufen, die sich vergessenen expressionistischen Autoren widmet, und ist auch als Literaturkritiker und Herausgeber von Anthologien und vergriffenen Büchern tätig.

Walter Neumann schrieb über Peter Salomon: »Ein Autor, der seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ein Stück Literaturgeschichte der Stadt Konstanz wie der gesamten Bodenseeregion geschrieben und zugleich eine unverwechselbare Note zur deutschen Literatur der Gegenwart beigetragen hat.«

Der Ars-Littera-Preis besteht aus zwei Buchpublikationen zu Ehren des Preisträgers:

– einem umfangreichen Porträtband über den Autor, der Literaturkritiken, Essays, Aufsätze, Gedichtinterpretationen, ein langes Interview, Autorenphotos sowie eine Bibliographie enthält

– einem Peter-Salomon-Lesebuch, das ausgewählte Texte des Autors versammelt, die einen repräsentativen Querschnitt durch das literarische Schaffen des Schriftstellers bieten

Der Ars-Littera-Preis wurde von der gemeinnützigen Kulturvereinigung Ars Littera ins Leben gerufen und soll in Zukunft jährlich verliehen werden.

gez.: Prof. Dr. Peter Blickle / Klaus Isele

http://www.ArsLittera.de

Interview mit dem Preisträger

Peter Blickle: In welcher literarischen Tradition stehen Sie?

Peter Salomon: Als ich ab 1967 Schriftsteller wurde, gab es einen kollektiven Impuls für eine Neue Literatur. Der wurde ziemlich bald als »Neue Subjektivität« benannt. Mir wäre »Subjektive Sachlichkeit« lieber.

In den Freiräumen, die diese neue Literatur eröffnete, entwickelte ich meinen eigenen Stil. Von den Zeitgenossen fühlte ich mich besonders Nicolas Born und Yaak Karsunke nahe. In der Rückschau fällt auf, daß schon sehr früh Dieter Leisegang und PG Hübsch diese Art Literatur versuchten.

Ich habe immer viel gelesen, das ist mir ebenso wichtig wie selber schreiben.

Deshalb gibt es viele Schriftsteller und Literatur, die mir etwas gesagt haben.

Die denkbar knappste Linie für die Beschreibung meines literarischen Rückrats würde ich so ziehen:

Nietzsche – Benn – Brecht – Günter Eich.

Peter Blickle: Warum heute noch Gedichte schreiben?

Peter Salomon: Das Lesen von Gedichten bereitet mir großes Vergnügen, wenn sie nicht allzu hermetisch sind. Ähnliches gilt für ihre Herstellung – wobei ich eher der Gelegenheitsdichter bin, der sich vom überraschenden Einfall und der gelingenden Formulierung beflügeln läßt.

Ich setze mich also nicht jeden Tag zwanghaft hin und quäle mich – aber ich versuche doch, die günstigen Gelegenheiten durch »Rumbosseln« am angesammelten Material zu provozieren.

Ich frage also nicht, ob Lyrik eine gesellschaftliche Bedeutung hat oder haben sollte.

Allerdings entgeht mir nicht, daß die Literatur ihre selbstverständliche Bedeutung in der Gesellschaft verloren hat. Das ist eine Folge des herrschenden Kapitalismus, der das Geistige klein hält. Ich will mich aber nicht davon beirren lassen, daß die Auflagen meiner Gedichtbände nicht so hoch sind, wie es das kapitalistische Prinzip an sich fordert. Hauptsache es gibt noch Verleger, die das Spiel mitmachen.

Es gibt ja auch Sportarten, die einige Zeit einen Höhenflug haben und plötzlich »out« sind – also keine TV-Sendezeiten mehr bekommen und unter Nachwuchsmangel leiden. Trotzdem wird weiter Ski gesprungen und Tennis gespielt.

Das öffentliche Interesse ändert sich ja laufend. Als ich als Lyriker anfing, war diese Gattung total »in« und boomte. Viele Jugendliche definierten sich darüber. Manche sind dabei geblieben. So wie man mit dem Lernen von Fremdsprachen neue Länder erkunden kann, beschert einem der Umgang mit Lyrik neue Blicke auf die Wirklichkeit und Erfahrungen, die man nur mittels der Dichtkunst machen kann.

Peter Blickle: Beim Lesen Ihrer Lyrik fällt mir auf, daß es eine »Schnittmenge« zwischen visueller Kunst und Wortkunst gibt – wie in der zeitgenössischen Lyrik insgesamt. In welcher Art inspiriert Sie die visuelle Kunst.

Peter Salomon: Ich bin der bildenden Kunst sehr verbunden. Auf manchen Gebieten bin ich amateurhaft-autodidaktischer Spezialist. Ich sammle auch etwas.

Trotzdem überrascht mich die Frage, weil die Bildkunst in meinem Bewußtsein von meiner literarischen Arbeit nur ganz am Rande eine Rolle spielt. Üblicherweise hole ich mir mein Material aus der Alltagswirklichkeit: Ich schaue den Leuten auf Maul, schaue, was in der Stadt abgeht, und finde Verwertbares in den Medien. Das sind natürlich nicht nur Sprachfundstücke, sondern auch visuelle – aber doch keine in Kunstform, dazu will ich sie ja in meinen Gedichten erst machen. Nur in wenigen Gedichten habe ich mich explizit mit bildender Kunst beschäftigt – aber auch das noch sehr hinterhältig: Mein Gedicht über den englischen Maler Denton Welch beschreibt scheinbar ein »Blumenstilleben mit Konfekt«. Welch war aber auch Schriftsteller. Das angebliche Welch-Gemälde, das ich lyrisch beschrieben habe, gibt es gar nicht, ich habe es erfunden. Aber diese Erfindung besteht ausschließlich aus Worten und ganzen Sätzen aus Romanen von Welch, ist also eine Collage aus seiner Literatur, während der Leser zunächst glaubt, es ginge um seine Bildkunst. Tricky, oder? Ich will damit natürlich etwas beweisen.

Peter Blickle: Lyrik bewegt sich oft in jenem unerklärlichen Zwischenland zwischem dem Universell-Menschlichen und dem Konkreten. Welche Wirkungen hatten und haben Orte auf Ihre Worte und Sprachrhythmen?

Peter Salomon: Also mit dem Universell-Menschlichen beschäftigt man sich in der Pubertät oder wenn man nicht zu sich selbst finden konnte. Die Gedichte sind dann auch danach, wenn man sich in diesem Zustand zum Dichter berufen fühlt. Ich bin eindeutig der Ansicht, daß der Dichter vom Konkreten ausgehen muß – und zwar von den kleinen Stückchen, aus denen die Wirklichkeit besteht. Er muß Stückchen zusammensetzen! Bis sich ein Mosaik zeigt, das dann ein so oder so verschobenes Abbild der Wirklichkeit ist. Man sieht sie dann plötzlich etwas anders als im Alltag. Bei bestimmten Verschiebungswinkeln mag sich dann auch gelegentlich das Universell-Menschliche zeigen. Das ergibt sich bei der Arbeit. Das kann man nicht einfach bedichten wollen. Das stellt sich erst hinterher oder mittendrin ein.

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