64. Augenzeugenbericht

Der vom Literaturbüro vergebene Lyrikpreis München zeichnet sich durch sanfte Gründlichkeit aus, wenn über das Jahr verteilt gleich zwei Vorrunden stattfinden, bei denen ebenfalls klug besetzte Jurys öffentlich über die vorgetragenen Gedichte nachdenken. Beim Finale im Kulturzentrum Gasteig gastierten jetzt Dichter, die in den letzten Jahren in der Szene für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Da war etwa der rigorose Stilpluralist Konstantin Ames, bei dessen Versen die Jury haderte, ob es sich nun um „sprachanarchische Heimatgedichte“ oder doch schon um „Post-Poetisches“ handele, was auch immer letzteres sein sollte. Da war der höchstens scheinbare „Naturlyriker“ Sebastian Unger, der im Gleiten und Verhaken seiner Beschreibungen Bedeutungswelten gleichermaßen andeutete und verbarg. Und da war der Renaissance-Spezialist Tobias Roth, der in künstlich präparierten Traditionsreferenzen ein durchaus zeitgenössisches Wachsfiguren-Arkadien erschuf: „Ich schicke dir eine Gondel, der / Rauch über der Bastille ist noch nicht hier.“

Für die schließlich prämierten Gedichte des in der „Lyrikedition 2000“ veröffentlichenden Markus Hallinger fand die Jury die Formel, dass sie „die größte Bereitschaft zum nicht abgesicherten poetischen Sprechen“ entwickelten. Diese Kategorie ließe sich erörtern. Und Hallingers beim ersten Hören unvermittelt bis genügsam wirkende Sprachreflexionen selbstredend auch: „Ich stand, ein Hase, erstaunt, das Fell abgezogen, / über Nase und Ohren, / geschält wie die Sprache.“ Mit dem Basler Professor Wolfram Fues gab es allein einen Juror, der unter Anrufung offenbar unhintergehbaren Germanistenwissens absurd autoritäre Verdikte zu fällen pflegte: „Ist-Sätze sind in der Lyrik immer gefährlich!“ Der Rest war des Diskutierens würdig und wurde das auch.

FLORIAN KESSLER, Süddeutsche Zeitung 20.10.

7 Comments on “64. Augenzeugenbericht

  1. Liebe Elsa Hoyner, da haben wir aber unterschiedliche Vorstellungen davon, was Kulturjournalismus leisten soll und kann. Ich glaube nicht, dass einfach nur möglichst vollständige Berichte größere Aufmerksamkeit für die besprochenen Themen bedeuten – und auch nicht, dass Quasi-Protokolle viel Nutzen für die mit dem jeweiligen Gegenstand Vertrauten haben. Ich glaube, dass Feuilleton stattdessen lebhaft und mit eigenen Wertungen verfahren sollte, um sowohl informative als auch thesenstarke Schlaglichter auf Gegenstände zu werfen. Überlegtes „Weglassen“ ist kein schlechter Umgang mit Kunst, nur durch Auswahl können überhaupt triftige Aussagen gemacht werden. Und wenn auf 90 Zeilen vier von sechs Vortragenden vorgestellt wurden, sehe ich das Problem ohnehin eher weniger.

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    • Überlegt oder nicht: Weglassen ist die subtilste Form eines Verrisses, das wissen Sie das genau, lieber Herr Kessler. Quasiprotokolle oder Berichte erwarte ich nicht. Schon gar nicht in der SZ. Nur die bitte unbedingt lebhafte Wertung durch triftige Aussagen über alle Mitwirkenden durch den Rezensenten. Die Auswahl ist bereits getroffen worden durch die Vorjury jeweils. Sie schrieben über das Finale.
      1. Rechenübung: Wenn jemand – sicher mindestens doppelt so alt wie Sie- erst beruflich, dann beobachtend im Kunstbetrieb unterwegs ist, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er/sie mit einigen „Gegenständen“ vertraut sein könnte?
      2. Rechenübung: Wenn bei 90 Zeilen 4 von 6 Autoren besprochen werden können, wieviele von 12 Autoren können bei 180 Zeilen besprochen werden?

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  2. Im Finale war Kathrin Bach. Sie hat mit Konstantin Ames den 2. Preis gewonnen. Ich lese den Bericht von Herrn Kessler aus der SZ in der Lyrikzeitung. Dass er Hallinger nicht besonders schätzt, kann man lesen. Wo berichtet er über W. F. Schmid und die 2. Gewinnerin Kathrin Bach? Nur mit einem „etwa“ und der Besprechung der vier anderen darf der Rezensent weder die Leser noch die beiden übergangenen Teilnehmer abspeisen. Das „Weglassen“ ist schon eine spezielle Art des Umgangs mit Künstlern.. Scheints fand der Rezensent sowieso den Prof. aus Basel am interessantesten! Oder hat die Lyrikzeitung nur Ausschnitte gedruckt?

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