79. Alles Quatsch

Sich derzeit über Literaturdebatten zu beschweren, die hauptsächlich nicht die Literatur, sondern nur ihren soziologischen Spielrahmen debattieren, kommt anscheinend ziemlich gut. Weils aber zum Glück auch noch Diskussionen gibt, die an den Kern der Sache wollen, schließ ich mich lieber Alexander Graeffs «Plädoyer für eine surreale Prosa und Lyrik» und der Entgegnung von Tobias Roth an.

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«Realismus ist Quatsch»

Selbst wenns die Oma vom Hans Dampf gesagt hat. So ein Statement braucht keinen «diskursiven Schlägertrupp von verbürgten Kanongrößen», den Graeff und Roth mit dem Giacometti-Zitat loslassen. Auf den verzichte ich, der ist auch Quatsch, weil ich ihn immer aus seinem ursprünglichen Einsatzgebiet abziehen und in der Fremde in Stellung bringen muss. Zum Schluss weiß er vielleicht gar nicht mehr, auf was er einschlagen soll oder ob er überhaupt die richtigen Mittel hat, um gewaltige Argumente zu liefern. Der Arme.

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Offenheit ist Quatsch

Zumindest als Opposition zu Realismus. Alles ist offen, auch der Realismus, solange uns nicht sämtliche Kausalitäten – oder eben auch unumstössliche Fakten – bekannt sind. Eine nicht-offene Literatur wäre diktatorischer Horror für unsere fiktionalen Lesegewohnheiten, die unseren anarchischen oder zumindest subjektiven Vorstellungen Raum geben.

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Experiment ist Quatsch

Sogar der allergrößte. Ein Experiment ist und bleibt eine Methode zur empirischen Beweisführung, die auf einem – vor der Durchführung festgelegten – Design basiert, das selbst die kleinsten beeinflussenden Faktoren ausschaltet und seine Variablen bis ins Kleinste durchdefiniert. Diese Methoden sind für mich nicht vergleichbar – nicht einmal metaphorisch vergleichbar – mit literarischen Methoden und überhaupt: Was sollte die Literatur denn beweisen?

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Avantgarde ist Quatsch

Das ist klar. Wie « vor dem Spiel ist nach dem Spiel » gilt hier auch: Avantgarde ist Aprèsgarde – ein Begriff wie modern oder Moderne, der sich stets selbst überholt.

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Kunstwille ist Quatsch

Und der liegt im Begriff selbst: Kunstwille führt nicht zwangsweise zu Kunst, sondern primär zu etwas, das Kunst sein will.

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Walter Fabian Schmid auf lyrikkritik.de

One Comment on “79. Alles Quatsch

  1. Möglichweise ging es nach 1945 nicht anders, musste auf das moralisch-politische Desaster direkt, „realistisch“ reagiert werden. Wobei direkt das bessere Wort ist. Das gilt für Ost wie West; alle Deutschen lebten schließlich „after the fall“. (Nur so nebenbei: Interessant, dass die Tatsache, dass die letzte gemeinsame, deutsch-deutsche Erinnerung Adolf Hitler heißt, so wenig wahrgenommen wird).

    Dass auf die deutsche Einheit nun erneut so direkt reagiert wurde und wird, das ist schon weniger verständlich. Es gibt aber Ausnahmen und sie sind keineswegs mit der Lupe zu suchen.
    Möglicherweise trägt mittlerweile GAR KEIN Konzept, keine Poetik mehr die Reaktion auf die Wirklichkeit. Realismus ist Quatsch? Na gut, aber auch: Konzept ist Quatsch, Regel-Poetik ist Quatsch! Das wäre meine Antwort darauf. Ob ein Text „funktioniert“ (Hettche), ob er plausibel ist, hängt nicht an irgendeinem Konzept, das er bedient oder nicht.

    Grüße und Gratulation zu Ihrem wunderbaren Blog!

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