65. Neue Gedichtbände

Die Lyriker Kurt Aebli, Sylvia Geist und Jürg Halter haben neue Gedichtbände veröffentlicht. Sie erkunden darin die Gegenständlichkeit des Alltags. Besprechung von  Martin Zingg Mehr

Paradoxien werden kaum mehr ins Surreale verlängert und so ins sprachliche Bild eingeschmolzen, sondern sie bestimmen den Duktus, sie brechen die Verszeile, bringen das Gedicht mit Absicht zum Stottern. Die Irritationen des Alltags irritieren im Text, sie werden dort erst sichtbar, und Aebli erreicht das mit kleinen, feinen lautlichen oder rhythmischen Verschiebungen. Daraus entsteht eine unaufdringliche, präzise und vergnügliche Wahrnehmungskunde.

(…)

Die Schlingen werden immer kürzer, immer enger – daraus wird eine dichte, hochmusikalische Erkundung der Lebenswelt. Diese «Recherche» wird in einem anderen Teil des Bandes anhand von Bildern betrieben. «Die Zitrone auf einem Foto von Twombly» beginnt so: «während nicht entschieden ist, es ist eine und keine auch / gelbliche, runde oder auf andere Art ähnliche / und nicht entschieden, ist es // Poncirus, Citrumelo oder sonst wie nach Art der Rauten / Gewächse, nach einer Frucht überhaupt, oder was es viel / mehr, zweifelhaft, von zu vollständiger Rundheit // und auf die gleiche Art zweifelhafter / Gelblichkeit, dass es an andere Arten aber / an Früchte zu erinnern begibt, an Pomeranze, Pomelo, Paradies».

(…)

Die Feier des Augenblicks kommt bei Halter ohne grosse Worte aus, und wenn grosse Fragen anstehen, kann er auch nahe ans Verstummen heranrücken. Ein Gedicht hat nur zwei Wörter, ist damit kürzer als der Titel – und ruft in seiner provozierenden Kargheit zugleich eine Fülle von Bildern und Gedanken ab, eigentlich alles, was einem einfallen kann zu universalen Themen wie «Werden» und «Vergehen». Ein anderes Gedicht imaginiert wortreich den nicht enden wollenden Moment, da ein Ich nach Feierabend in einer Bar verweilt, eingeschlossen, allein mit der Erinnerung an alle Menschen, die es in Gedanken herbeirufen kann, allein mit sich und vielen Namen. Auch da wird eine Grenzerfahrung beschrieben, eine, die frei ist von Absichten, die ausserhalb des Gedichtes liegen – hier ist das Ende der Musik nie zu befürchten.

Kurt Aebli: Tropfen. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2014. 110 S., Fr. 27.90. Sylvia Geist: Gordisches Paradies. Gedichte. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2014. 112 S., Fr. 24.90. Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014. 72 S., Fr. 27.90.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: