75. Lied und Gesang bei Paul Celan

Walter Fabian Schmid

Das Scheitern des zersungenen Orpheus
Lied und Gesang bei Paul Celan


Abstract

Zwar arbeitet der Autor gern mit musikalischen Begriffen: die gerühmte ,Todesfuge’ aus ,Mohn und Gedächtnis’
oder, in dem vorliegenden Band, die ,Engführung’. Doch dies sind eher kontrapunktische Exerzitien
auf dem Notenpapier oder auf stummen Tasten – Augenmusik, optische Partituren.
¹ 

Nicht nur der obige Ausschnitt der vernichtenden Kritik von Günter Blöcker zum Gedichtband Sprachgitter zeigt, dass an die Gedichte Celans in der Rezeption seiner Zeit immer wieder ihre Musikalität und musikalische Gattungstraditionen herangetragen wurden. Klaus Demus‘ Interpretation z.B. geht sogar über einzelne musikalische Elemente hinaus und setzt die Gedichte gleich mit Liedern gleich, wie er in einem Brief vom 07.12.1948 schreibt: «Das Lied. Eins nach dem andern, viele. Unübersichtlich. Bruchstücke des Ganzen, tragisch und anonym. Gemacht um zu dauern, ausser Ihnen, nach Ihnen, ohne Sie. Durch die unbeschreiblich traurige Melodie.» (BW PC / KND, S. 14) Das freundschaftliche Urteil von Nani Demus geht noch ein bisschen weiter, indem sie die Gedichte Celans als Lieder überhöht. Am 16.11.1951 schreibt sie von «Lieder[n], die alles Gesungene weit übertönen» (BW PC / KND, S. 82).

Die Celan-Rezeption seiner Zeit setzte häufig seine Lyrik mit einem musikalischen Kunstwerk gleich. Widersprüchlicher Weise fand der Einfluss der Musik auf die Gedichte Celans bis auf strukturelle Analysen und intertextuelle Einzelreferenzen wenig Aufmerksamkeit. Das ist umso verwunderlicher, da sich Musik in der Dichtung Celans als ein werkgenetisches und poetologisches Prinzip herausstellt. Dieser Aufsatz beschränkt sich aber auch erst einmal auf die musikalische Motivik, genauer gesagt auf Liedformen, das Lied als Thema und das Motiv des Singens. Verzichtet werden muss auf strukturelle Merkmale wie die Analyse von Kontrafakturen oder jenen Gedichten, die vorgegebene musikalische Formen adaptieren, wie dies etwa in Form vom Volkslied, dem Air, der Fuge, dem Shanty, dem Chanson oder dem Responsorium bei Celan vorkommt. Genau so wenig erfolgt eine Untersuchung, inwiefern die Gedichte musikalische Gebilde sind und selbst Musikalität herstellen. Hierzu müsste man Adorno fortschreiben, der Sprachgitter ausschliesslich als ein musikalisches Konstrukt wahrnahm und plante, einen Essay darüber zu verfassen, zu dem es allerdings nie kam. / bei Signaturen

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