73. Das Land in dem es Pflicht ist, die Poesie zu lieben

(und verboten, sie zu lesen)

Jang Jin Sung hatte einen der härtesten Jobs der Welt.

Sein Auftrag: dem Treiben eines ruchlosen Despoten Schönheit einhauchen. Er war der persönliche Poet laureate von Kim Jong Il, der Nordkorea bis zu seinem Tod im Jahr 2011 regierte. Der Job war nicht ungefährlich. 2004 desertierte er, nachdem ein kleiner Fehler sein Leben gefährdete. Er war ein Jahr auf der Flucht in China, bevor er Zuflucht in Südkorea fand.

Heute ist er ein scharfer Kritiker des nordkoreanischen Regimes. Gerade erschien sein Memoirenband „Dear Leader“. GlobalPost sprach mit ihm in London.

Wie war es mit Kim Jong Il?

Ich durfte nicht höher als bis zum zweiten Hemdknopf aufblicken. Vor dem Handschlag mußte ich die Hände mit Desinfektionsgel einreiben. Ohne seine Erlaubnis durfte ich mich nicht bewegen.

Lieben die Nordkoreaner die Lyrik? Und welche Art Lyrik?

Lyrik studieren gehört zu unserer Kultur, aber es ist ein Zwang, und der einzige Gegenstand ist der großartige Führer. Liebe kann man das nicht nennen.

Wie ich weiß, lieben Sie Byron. Wie kamen Sie an sein Werk heran?

In Nordkorea gibt es die „100-Stück-Sammlung“, mit der klassische Werke Elitefamilien zugänglich gemacht werden, damit sie etwas von der Außenwelt kennenlernen. Jeder Band erscheint nur in 100 Exemplaren. Meine Familie hatte einen Band mit Byrons Werken – sie inspirierten mich zum Schreiben.

Wie ist es, wenn einem die Themen der Gedichte vorgeschrieben werden?

Das ist unglaublich frustrierend. Dichten ist wie Berufsarbeit. Am besten war es noch, wenn ich über die Vergangenheit schreiben konnte, da konnte man mal einen anderen Herrscher oder ein anderes Land kritisieren, während sonst nur Herrscherlob erlaubt war.

Was veranlaßte Sie, regimekritische Gedichte zu schreiben?

Ich mußte die Wahrheit schreiben, um nicht verrückt zu werden. Es war eine große Erleichterung, auch wenn niemand etwas davon lesen konnte. Als ich mein erstes freies Gedicht geschrieben hatte, weinte ich vor Glück, etwas geschrieben zu haben, das nicht von oben befohlen war.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: