54. Zwei Ansichten

von Poesie und Realität:

Wiener Journal: Sie saßen zuletzt mit Kanzler Werner Faymann im Bruno-Kreisky-Forum auf dem Podium – dort prallten zwei Positionen aufeinander: der europäische Traum von Robert Menasse und der Pragmatismus des Bundeskanzlers. „Sie haben leicht reden“, meinte Kanzler Faymann: „Sie sind Dichter, können träumen, aber ich bin Kanzler und muss mit der Realität arbeiten.“

Robert Menasse: Die Gründerväter des europäischen Projekts waren ebenfalls Pragmatiker. Sonst würde es die EU ja nicht geben. Sie haben den europäischen Einigungsprozess sehr pragmatisch und nachhaltig auf Schienen gestellt. Pragmatismus bedeutet nicht, dass man sich kühne Ideen verbieten muss. Pragmatismus ist nichts anderes als eine Technik, mit der man Schritt für Schritt unter gegebenen Umständen, diese erweiternd, seine Ideen umsetzen kann, um einem Ziel näher zu kommen. Die heutigen politischen Repräsentanten haben ja nicht einmal mehr zum Pragmatismus ein pragmatisches Verhältnis. Sie glauben, Pragmatismus bedeutet, in den gegebenen Umständen irgendwie zu überleben. Sie halten Ideen für verwirrend und Ziele grundsätzlich für utopisch. Sie können mit dem Begriff Utopie nichts anfangen. Was sich real seit über sechzig Jahren an einem konkreten Ort, nämlich hier in Europa, entwickelt, ist ein Prozess, aber keine Utopie, kein phantastisches Nirgendwo.

Manche europäische Intellektuelle vermissen heute die große Erzählung im Zusammenhang mit Europa, die Poesie.

Mir fehlt in der gegenwärtigen politischen Sprache nicht die Poesie, sondern der Realitätssinn. Gäbe es diesen, fände er manchmal auch einen poetischen Ausdruck. Die großen politischen Reden mit poetischer Wucht waren ja immer Ausnahmeereignisse. Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ oder Kennedys „Ich bin ein Berliner“, Churchills „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede. Die haben ja nicht täglich solche Reden gehalten. Aber sie wussten, was sie wollten, in einer Rede hat sich das verdichtet, und das hat nachhaltig gewirkt. Wissen Faymann und Spindelegger, was sie wollen? Ich glaube nicht. Sonst würden sie nicht so stammeln, sich so hilflos an Phrasen klammern. Ihre Sprache zeigt nur eines: Sie wollen wiedergewählt werden.

/ Wiener Zeitung

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