26. Besser als Shakespeare?

Christa Schuenke, die eine gerühmte Gesamtübersetzung der Sonette Shakespeares veröffentlichte, sprach mit Christa Jansohn auf literaturkritik.de über ihre Übersetzung. 3 Auszüge aus dem langen, unbedingt komplett lesenswerten Gespräch:

Eine archaisierende Übersetzung kam für mich von vornherein nicht in Betracht. Manierismus interessiert mich nicht. Eine künstlich archaisierte Sprache empfinde ich als manieriert, und vor allem fehlt ihr alles Lebendige. Und das, was Sie als „modernen Jargon“ bezeichnen, ist in meinen Augen eine Anbiederung an ein vorwiegend jugendliches Lesepublikum oder Ausdruck eines Zeitgeists, der nach ewiger Jugend giert. Eine Mischung von beidem, wie sie bei Karl Bernhard vorliegt, kann immer nur Hybriden hervorbringen. Ganz wesentlich für mein Konzept war das Moment der Wiedererkennbarkeit. Die emotionalen Schwingungen, die von Shakespeares Sonetten ausgehen, erreichen uns noch heute mit unverminderter Kraft, wenn wir uns darauf einlassen. Das habe ich gerade bei jungen Lesern meiner Sonett-Übersetzung, Leuten von Anfang bis Mitte Zwanzig, immer wieder bemerkt. Und ähnliche argumentative Krücken, wie Shakespeare sie sich baut, um die eigenen Gefühlsverwirrungen zu rationalisieren, bauen sich Menschen auch heute noch, wenn sie verzweifelt versuchen, sich von der Wucht ihrer Emotionen nicht zu Boden schleudern zu lassen. Damit das Moment der Wiedererkennbarkeit in der Übersetzung da ist, muss, denke ich, eine Sprache gewählt werden, die modern ist, ohne modisch zu sein, die aber auch die Wort‑ und Klanggewalt hat, die notwendig ist, um den mitunter sehr hohen, klassischen Ton des Originals zu treffen.

(…)

Für mich verschmelzen die Begriffe Genauigkeit und Nähe zum Urtext in dem übergreifenden Terminus Wirkungsäquivalenz. In diesem Sinne hatte ich nicht die Absicht, eine Übersetzung zu schaffen, die zwar philologisch präzise ist, aber die Einheit der Elemente, die die Wirkung eines Gedichts ausmachen (Wortsinn, Gesamtaussage, Rhythmus, Metrum, Atmosphäre, und ich möchte noch hinzufügen: Emotionalität, Anstrengung des Gedankens und nicht zuletzt Klang), zerstört. Ich glaube nicht, dass man bei den mitunter notwendigen Abstrichen mehrere Alternativen hat. Die einzige für mich in Betracht kommende Möglichkeit besteht darin, wenn es denn sein muss und im Original ein und derselbe Gedanke in mehreren unterschiedlichen Schattierungen durchgeführt wird, auf eine dieser Schattierungen zu verzichten oder diejenige auszuwählen, die mir im Hinblick auf die angestrebte Wirkungsäquivalenz den Vorrang zu haben scheint. Um jedoch den Verzicht auf das unvermeidbare Minimum zu beschränken, habe ich versucht, im Deutschen möglichst viele einsilbige Wörter zu finden, deren Gebrauch verhindert, dass der Vers über den jambischen Pentameter hinaus anschwillt.

Über andere Übersetzer:

Im Falle Celans haben wir es mit einem starken, gedanken‑ und wortmächtigen Dichter zu tun, der Shakespeares Sonette gleichsam als Transportmittel für eigene Inhalte benutzt. Seine Übersetzungen, die ich sehr schätze, sind von seinem eigenen dichterischen Interesse dominiert. Deshalb kann ich mich George Steiner, den ich ebenfalls sehr schätze und dessen Buch After Babel ich als Über­setzerin viele kostbare Anregungen verdanke, in diesem Punkt nicht anschließen. Ich glaube, dass Celans Übertragungen nur insofern „besser als die Originale“ sind, als sie den Zeitgeist, dessen Stimme Celan war, besser erfassen als die Originale, die selbstverständlich vom Geist der Shakespeare‑Zeit geprägt waren. Insofern sind Celans Übertragungen uns vielleicht näher als das Original, aber ich glaube nicht, dass man sie deshalb „besser“ nennen kann. Auch Stefan George nimmt sich der Sonette als Dichter an, wenngleich er sie, anders als Celan, nicht dazu benutzt, eigene Inhalte zu transportieren. Bei ihm scheint es mir eher um einen Transport versästhetischer Prinzipien zu gehen, die leider nicht selten mit einer bis zur Unkenntlichkeit der Wörter getriebenen Verstümmelung deutscher Wortklänge bezahlt werden.

One Comment on “26. Besser als Shakespeare?

  1. Es ist bekanntlich erschreckend wenig über den leibhaftigen Dichter, der die Sonnette schrieb, bekannt. Eine überzeugende Brücke zwischen Sonetten und Biographie des Autors konnte nie errichtet worden. .Nur deshalb sind so viele bizarre Autorschaftstheorien ins Kraut gewachsen.
    Ist es vorstellbar, dass Frau Schuenke bei ihrer jahrzehnte langen Beschäftigung mit den inneren Bezügen der Sonnette sich eine eigene Meinung, auch zu dem Autorschaftsproblem, gebildet hat?

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