62. Abschreiben

Das folgende steht in meinem Lyrik-Diktionär, weil es vielleicht nicht nur für Araber und nicht nur für Bücher über Indien und Religion gilt:

Ein Beispiel bietet der Inhalt dessen, was über die Religionen und Lehrmeinungen der Inder geredet wird. Ich wies darauf hin, daß das meiste davon, was in unseren Büchern aufgezeichnet steht, frei erfunden ist; einer hat es vom anderen abgeschrieben und aufgelesen und noch mehr durcheinandergebracht. Keiner hat versucht, es mit ihren wirklichen Lehren in Übereinstimmung zu bringen und zu korrigieren. Ich habe unter den Verfassern der einschlägigen Werke keinen gefunden, der sich den schlichten Bericht ohne Verzerrungen und ohne Heuchelei zum Ziel gesetzt hätte, außer Abu l’Abbās al-Īrānšahrī, denn dieser gehörte gar keiner Religion an, vielmehr hatte er sich eine eigene zurechtgemacht, für die er warb. Er hat über den Glauben der Juden und Christen und über den Inhalt des Alten Testaments und des Evangeliums sehr schön referiert. Er gab sich auch große Mühe bei seinem Bericht über die Manichäer und über das, was in ihren Büchern über die ausgestorbenen Religionen steht. Als er aber auf die Gemeinschaften der Hindus und der Buddhisten zu sprechen kam, verfehlte er sein Ziel und geriet schließlich an das Buch von Zurqān und übernahm, was darinsteht, in sein eigenes Werk. Was er aber nicht daraus abgeschrieben hat, macht den Eindruck, als ob er es von den ungebildeten Anhängern beider Richtungen übernommen hätte.

Al-Bīrūnī (973-1048): In den Gärten der Wissenschaft. Ausgewählte Texte aus den Werken des muslimischen Universalgelehrten, übersetzt und erläutert von Gotthard Strohmaier. Leipzig: Reclam, 1988, S. 151 f.

Über Al-Bīrūnī heißt es in dem Buch: „genialster Gelehrter des islamischen Mittelalters, blieb im Unterschied zu Avicenna für das europäische Denken folgenlos, weil er als Empiriker nicht darauf aus war, die Wahrheit durch Harmonie und logische Geschlossenheit eines Systems zu erweisen.“

Damals hatten die Araber (natürlich nicht alle) einen Vorsprung in Sachen Aufklärung. Aber Rückstände haben auch wir heutigen Westler in erdrückender Zahl. Al-Bīrūnī stammte aus Kat im damaligen Choresm (Chorasan, heute in Usbekistan), das 712 von der Arabern erobert worden war. Sind seine Bücher lieferbar?

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