14. Süße Heimat

So – mißverständlich – der Titel einer ungarischen Lyrikanthologie. Der erste Satz des folgenden Zitats scheint sagen zu wollen, daß es in Ungarn ganz anders ist als hierzulande:

Die poetische Sprache polarisiert nicht wie die unselige Sprache der Politik, sie globalisiert, universalisiert, öffnet, lädt ein. Ein gutes Gedicht sucht immer das Ganze, sucht liebevoll die Umwege von Bewusstsein zu Bewusstsein. Teilwahrheiten sind ästhetische Katastrophen.

In diesem Buch trifft man auf die unterschiedlichsten Geister der ungarischen Gegenwartslyrik. Manche halten es einfach nicht aus, sich mit ihrer Sprache nicht einzumischen in die fatale politische Zerstrittenheit des Landes. István Kemény (geboren 1961) gehört zum andern Flügel. Ein lediglich politisch inspiriertes Gedicht ist für ihn Verrat an der Dichtung, weil es die Wahrheit schändlich reduziert. Dennoch oder gerade deshalb ist er der geistige Anstifter für das ganze Buch geworden. Sein Gedicht «Búcsúlevél» (Abschiedsbrief) wurde gleichsam systematisch missverstanden und als Gedicht gegen Viktor Orbán gelesen, dabei ist es für Kemény selbst viel mehr. Das Schönste aber war: Dieses Gedicht provozierte zahllose Antworten, die einen breiten Raum der Anthologie füllen. (…)

Ein anderes Gedicht aus der Anthologie von Virág Erdős (geb. 1968), «es gibt ein land», kommt aus einem ganz anderen Geist, denn diese Dichterin scheut es nicht, aus dem politischen Alltag heraus die Schübe der Wut zu entwickeln, die sie in ihre Texte treibt. Wie harter Rap aus allen Armutsvierteln dieser Welt rollen ihre Worte, der Reim ist nur Öl zur Beschleunigung ihrer vulkanartig ausbrechenden Attacken gegen das Unrecht. Gibt es politische Lyrik im gegenwärtigen Ungarn, so ist Virág Erdős eine ihrer führenden Stimmen. Und doch kommt gerade sie aus den Wurzeln der ungarischen Tradition. Ihre Anspielungen haben Stammbäume, die immer wieder in die klassische Moderne der ungarischen Lyrik greifen, oft auch weiter zurück, in diesem Gedicht verstecken sich gleich zu Beginn ein Bild des wunderbaren Attila József (1905–1937) und ein Gedichttitel sowie Leidensstationen des 1944 auf einem Gewaltmarsch hingerichteten jüdischen Dichters Miklós Radnóti, dazu tagespolitische Verweise, wahrscheinlich hat die Dichterin all die aufgereihten Bilder auf einer Wanderung durch den Sperrmüll der Budapester Josefstadt mit eigenem Auge gesehen. / Wilhelm Droste, NZZ*

Édes hazám (Meine süsse Heimat), zusammengestellt und herausgegeben von Tibor Bárány, Magvető-Verlag, Budapest 2012.

*) Beide hier genannten Gedichte sind ebenfalls in der Zeitung und online zugänglich (übersetzt von Wilhelm Droste)

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