13. Vertikales Lesen

Am Wochenende war der syrische Dichter Adonis beim Internationalen Festival Mutanabbi in Zürich zu Gast. Im Gespräch mit der NZZ über

Arabische Sprache

Aber man könnte sagen, dass es eine fleischliche Sprache ist, eine Sprache des Körpers. Es ist nicht intellektuell, jedenfalls nicht im abstrakten Sinn des Wortes. Es ist eine Sprache, die sich den Dingen, dem Körper und dem Gefühl verbindet, dazu kommt die Musikalität, die ein konstitutives Element des Arabischen ist – in diesem Sinn ist es eine sehr poetische Sprache. Sie drückt sich nicht analytisch, objektiv aus, sondern über die emotionale, visuelle oder imaginative Beziehung des Sprechers zum Gegenstand.

Leser:

Wenn man sich dem grossartigsten Text mit kleinen Gedanken, engstirnigen Visionen annähert, dann wird auch der Text eng und klein. Und leider mangelt es unserer Zeit zunehmend an grossen Lesern – in der arabischen Welt wie im Okzident. Die Kultur des Lesens hat sich verflacht, sie ist funktional und oberflächlich geworden. Es dominiert die horizontale Lektüre; was wir jedoch nötig hätten, wäre die vertikale Lektüre, die in die Tiefe geht.

Orient und Okzident:

Unglücklicherweise redet man immer noch von Orient und Okzident, als gäbe es eine grosse Barriere oder Differenz zwischen den beiden. Aber «Orient» und «Okzident» sind zunehmend nur noch geografische Begriffe, vielleicht auch wirtschaftliche oder politische – aber aufs Existenzielle treffen sie nicht mehr zu. Wo ist der Unterschied zwischen einem sogenannt orientalischen und einem sogenannt westlichen Menschen? Wo war der Unterschied zwischen Hafis und Goethe, wenn es ums Schöpferische geht? Wo ist er, wenn wir Zaha Hadid mit Mario Botta vergleichen? Die Globalisierung macht diese Gleichheit evident; was ich heute in Zürich sehe, kann ich morgen in Kairo und übermorgen in Schanghai sehen.

(In Bezug auf Lyrik sieht er den Unterschied dann aber doch):

Auf den Okzident trifft leider zu, was Sie sagen. Aber eines meiner Bücher wurde vor zwei Jahren ins Chinesische übersetzt, und wir sind jetzt bei der elften Auflage. Und in den arabischen Ländern ist es bis heute die Lyrik, die zählt. Im Okzident dagegen hat sich, mit der Macht des Internets, der Bilder, der Unterhaltungsindustrie und der Massenmedien auch ein Wandel des Kulturverständnisses ergeben. Der okzidentale Leser zieht es mittlerweile vor, die Kultur zu konsumieren, und die Kultur wird umgekehrt zum Konsumartikel. So entfernt sich der Leser vom kreativen Prozess, von jener Vertikalität, die ich zuvor erwähnte.

Den Koran:

Leider wird die Lesart der meisten Muslime diesem Text bei weitem nicht gerecht. Der Koran wird schlecht gelesen, schlecht interpretiert; so hat die Lektüre den Text des Korans deformiert. Darum sage ich: Der Text ist letztlich das, was der Leser aus ihm macht. Wenn er im Geist der Offenheit, der Grösse und der Menschlichkeit gelesen wird, wird auch der Text gross; wenn nicht, wird er klein – sogar der Koran.

Religion:

Eine Revolution in einem arabischen Land darf nicht auf der Religion gründen. Die Religion ist keine Lösung; bei uns ist die Religion das Problem.

Syrien:

Ein Land, das auf eine Zivilisationsgeschichte von siebentausend Jahren zurückblickt – solch ein Land wird irgendwann eine Lösung für seine Probleme finden.

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