99. Picasso als Dichter

Schon Nietzsche wusste, dass der Dom aus Brettern und Balken der Begriffe keine feste Burg ist. Dem „freigewordenen Intellekt“ [er meinte damit natürlich vor allem oder nur den Künstler] ist dieser Begriffsdom „nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das nächste trennend, so offenbart er, dass er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht und daß er jetzt nicht von Begriffen sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstigen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.“

Auch damit ist die Methode des Picasso‘schen Schreibens treffend dargestellt. Aber: Auch Picasso kommt an Grenzen, nämlich an die der übermächtigen Konvention der Sprache. Auch er kann sich ihr nicht entziehen. In seinen Zertrümmerungen sind nämlich trotz aller gegenteiliger Bemühungen metaphorische Strukturen zu finden, Bilder, Zeichen und Metaphern, die sich wiederholen und die mit Zerstörung zu tun haben, mit dem Zerschlagen, Zertrümmern, mit Zerschneiden und Zerstechen, mit Stierkampf, mit Tod. Dieser Metaphorik entkommt Picasso nicht, wir wissen das von seinen Bildern. In vielen seiner Aufzeichnungen begegnen dem Leser Messer, (z.B. 8. November und 15. Dezember 1935), eine durchbohrte Brust oder oft Wunden (wieder z.B. 8.11.35, 10.02.36), Blut, Gekröse, Leber (28.12.35), oder Klingen und Stiche (12.02.36 und 3.3.36, 08.04.36), es wird aufgespießt und die Wunde aufgekratzt (19.04.36) oder mit dem Brenneisen gebrandmarkt (21.04.1936), um nur einige Beispiele zu nennen. Am 24. 4. 36 notiert er u.a.:

„….Ring aus Nägeln die in das Feuer am Hals des Prismas eingeschlagen wurden Strick dessen Enden mit dem versengten Rad verbunden sind das im Morast des Tümpels feststeckt sticht wütend in das Auge des sterbenden Stiers.“

Unser Gebetsgürtel der Bedeutungen und Metaphern, den wir seit der Stunde unseres Spracherwerbes mit uns herumtragen,  kann dazu verleiten anzunehmen, hier spreche einer über die Sprache selbst, über ihre Ermordung bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sie endgültig als bloß metaphorisches Gespinst, ohne eigentlichen Wert (Nietzsche), entlarven zu können. Wer sich wie Picasso der Sprache bedient, kommt in ihren Fallstricken der Metaphern, Similes und Allegorien um oder benutzt diese gezielt. Picasso notierte seine letzte Eintragung am 18.10.1954:

„…Das Nordlicht ist komischerweise als Grille verkleidet die gerne leiht. Und damit Punktum.“
/ Ulrich Schäfer-Newiger, Signaturen

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