16. Das Deutsche und das Japanische

Karkowsky: Sie hören Yoko Tawada im Lyriksommer 2013 im Deutschlandradio Kultur. Frau Tawada, ich finde, dazu passt auch Ihr Gedicht „Die zweite Person Ich“. Auch das würden wir gerne hören, und das lasse ich mir dann auch von Ihnen erklären.

Tawada: Die zweite Person Ich. Als ich dich noch siezte, sagte ich ich und meinte damit mich. Seit gestern duze ich dich, weiß aber noch nicht, wie ich mich umbenennen soll.

Karkowsky: Das lässt sich natürlich erklären aus dem, was Sie mir gerade erzählt haben, dass, wenn jemand ein Buch gibt, dann gibt er das Buch, und es ist nicht wichtig, dass er es mir gibt, sondern es ist wichtig, dass er gibt, richtig? Mit dem Ich ist es so ähnlich.

Tawada: Ja, genau, und vor allem die Richtung des Gebens, das kommt ja aus dem Körper heraus, das spürt man, auch wenn man das nicht ausspricht. Und in diesem Gedicht habe ich mir auch gedacht: Komisch, es gibt ja Beziehungen zwischen zwei Menschen, also es ist ja nicht einseitig, es ist die Beziehung. Wenn das Wort Du von Sie zu Du ändert, dann muss ich auch zu etwas ändern, das geht ja nicht, dass man einseitig etwas ändert, und ich bleibt immer ich. Das ist doch komisch.

(…)

Tawada: Ich glaube, in der deutschen Sprache stehen die Dichtung und die Philosophie sehr nahe aneinander. Und das ist, finde ich auch, sehr spannend. Das ist halt Denken mit Dichten zusammen, das ist dann, das erlaubt auch diese Sprache, und das hat auch diese Geschichte, das ist sehr vorteilhaft. Die japanischen Gedichte haben eine ganz andere Tradition, da ist es nicht das logische Denken, was als Nachbarschaft der Dichtung steht, sondern etwas anderes.

In der Haiku-Dichtung, was ja nur eine Form der vielen Formen ist, aber trotzdem eine wichtige Form, da ist es das Japanische quasi, das heißt, eine Welt ohne Ich, also Dichter als Ich, der die Welt wahrnimmt und die Welt oder die Natur, die wahrgenommen wird, diese Trennung nicht mehr existiert, dass es vollkommen verschwindet. Ich meine, die japanische Sprache tendiert zwar dazu, aber in der Alltagssprache gibt es immer noch natürlich die Menschen, die etwas machen und sehen, und die Dinge, die gesehen werden. Aber das braucht man gar nicht mehr, wenn man ganz extrem in diesen Bereich der Haiku hineintritt. Und das ist das Spannende. / DLR

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