68. Falscher Vergil

Seit geraumer Zeit ist die Suche nach versteckten Botschaften in antiken Texten zur Spielwiese entdeckungsfreudiger Philologen geworden, insbesondere hat die Suche nach Akrosticha, also nach sinnvollen Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten, zu einer umfangreichen Fachliteratur mit teilweise kuriosen Methoden geführt, aber die Ausbeute ist trotz jahrzehntelangem Gelehrtenfleiss und immer komplizierteren Lesesystemen mager geblieben – und ebenso die Plausibilität der vermeintlichen Ergebnisse. Abgesehen von den längst bekannten Beispielen liessen sich nur kurze Wörter aus vier oder fünf Buchstaben von eher bescheidener inhaltlicher Relevanz aufspüren: «FONS», «MARS» usw. Auch Vergils Signatur wurde mithilfe neuer «Regeln» (Zeilen überspringen, rückwärts lesen, statt Buchstaben Silben zählen) schon zweimal «nachgewiesen». Vor über einem Jahrhundert glaubte man gar, einem Geheimcode-System auf der Spur zu sein (Johannes Minos: «Ein neuentdecktes Geheimschriftsystem der Alten», Leipzig 1901).

Das Akrostichon, wörtlich «Versanfang», war in der Antike weniger ein Stilmittel als ein Spielmittel und zählte zur Gattung der «Technopaignia», der «gekünstelten Kindereien», deren literarische Blütezeit in den frühen Hellenismus fällt. (…)

Ganz anderer Art als die offensichtlichen Belege ist die jetzt vorgeschlagene Lesart am Beginn von Vergils «Aeneis»: «A STILO M(aronis) V(ergili)». Lesbar ist dies nur mit einem geradezu akrobatischen Verfahren, indem man die Buchstaben vom Versende zu denen vom Versbeginn hinzunimmt und im Zickzackverfahren bald vorwärts, bald rückwärts geht. Für diesen unüblichen Lesevorgang kann sich Castelletti auf ganze zwei Verse des Aratos von Soloi berufen, die eine singuläre Vokabel aufweisen sollen.

Entscheidend ist jedoch das Resultat: Genügt der gewonnene Text den sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen? Erstaunlicher als dass die Initialen des Dichternamens verkehrt zu lesen sind (MV statt VM), ist die Formulierung der Kernaussage. Castelletti übersetzt «a stilo» mit «from the pen», das heisst aus der Feder (was «stilus» nicht heisst), bzw. mit «dallo stilo», das heisst aus dem Griffel (aus dem aber nichts fliesst). Das verstösst gegen eine grammatikalische Grundregel, die schon der Lateinanfänger lernt: Der instrumentale Ablativ wird ohne Präposition gebraucht, etwa «stilo scriptum». / Bruno W. Häuptli, NZZ 16.5.

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