99. Barocker Dichterstreit

Bei Jürgen Buchmann weiß man nie, der Mann ist ein Schelm. Ein studierter Schelm: promovierter Philologe und Philosoph, bis 2005 Hochschullehrer in Bielefeld. Seitdem zeigt der heute 67-Jährige als freier Schriftsteller in Werther / Westfalen, was man als Philologe so alles anstellen kann mit Sprache und Literatur. Eintauchen zum Beispiel in die Geschichte und Funde machen.

Das ist selten geworden, seit auch die Übersetzer in deutschen Landen darauf schauen müssen, dass der übersetzte Autor sich auch verkauft. Einfach aus Spaß an der Freud‘ übersetzen, weil man ein Stück Literatur faszinierend findet, das ist nur noch den echten Exoten der Branche möglich. Einem wie Buchmann zum Beispiel.* (…)

Denn Marino war einer der bestechendsten Vertreter der artifiziellen Dichtung des italienischen Barock. „Schwülstig“, meint die deutsche Wikipedia, weil die deutschen Nachahmer schwülstig waren. Aber wer die Texte, die Buchmann ausgewählt hat, liest, findet nicht wirklich Schwulst, nur eine ausgefeilte Raffinesse, die das Spiel mit Wendungen und Bildern liebt, die den Gegner im Vergleich lächerlich macht, mit spitzen Sottisen durchbohrt und vor einem gebildeten Publikum mit fast teuflischer Lust beleidigt.

Das scheint nur halb funktioniert zu haben, auch wenn die „Murtoleide“ durchaus als Teil des sowieso schon scharfzüngigen Werkes von Marino gelesen wurde. Aber Dichterfehden haben ihre eigenen Gesetze. Und das Publikum dieser Zeit, in der es noch keine italienischen Talkshows und Telenovelas gab, hatte ganz gewiss auch ihren Spaß an den trivialen Versen Mùrtolas. Von denen Buchmann nicht ganz so viele übersetzt hat. Sie wirken auch heute primitiv. Da spielt keiner, da tanzt keiner einen spöttischen Maskenreigen – Mùrtola kommt gleich zur Sache, ruft seinen Widersacher auf den Kampfplatz und überschüttet ihn dann mit Beleidigungen aller Art. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Episteln und Pistolen
Jürgen Buchmann; Giambattista Marino; Gaspare Mùrtola, Verlag Reinecke & Voß 2013, 9,00 Euro

*) Stimmt alles. Aber man soll auch darauf hinweisen, daß er einen Verleger dafür fand.

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