72. Hegel-Wege

Aus einem Brief des Hamburger Lyrikers Wilhelm Fink an einen Ratsuchenden:

Es heisst, „der Stil ist der Mensch“.
Danach haben Sie bis zum flüssigen, menschenfreundlichen Schreiben
noch einen weiten Weg vor sich.

Gut finde ich, dass Sie sich bewegen möchten. Eine Empfehlung suchen.
Der Philosoph HEGEL erlebt zur Zeit, besonders im englisch-sprachigen Raum,
eine Renaissance. Bei HEGEL tritt das Rätsel auf, dass sein schriftlicher Ausdruck
an die Lesenden enorm hohe Ansprüche stellt.

Möglich ist aber, dass Hegels Umständlichkeiten (und wohin sie ihn führen)
ihn überhaupt erst zu seinen Ergebnissen geführt haben.

Sobald ich ich beim Mit- und beim Nach-Denken Hegels Wege und Umwege
abkürze, – so erschliesst sich womöglich mir nicht der springende Punkt.

Gehen Sie doch einmal Hegel-Wege!

Hier einige Proben, fast gänlich HEGEL original:
*
„Das Hervorbrechen des artikulierten Wortes ist zugleich

das Empfangen des Tons in der Weichen
sich absolut anschmiegenden Unendlichkeit der Luft.“

Eine Bewegung.
Eine Zutat von uns wird überflüssig. Das ist eine große Befreiung. Was ich gefunden habe, ist dies: Begriff und Gegenstand, der Maßstab und das zu Prüfende, sind in uns selbst, in unserem Bewußtsein selbst, vorhanden. Wir müssen überhaupt nicht mehr prüfen und vergleichen. Das tut das Bewußtsein ohne unser Zutun für uns.
Einleitung „Phänomenol. des Geistes“, S. 16

Das Bewußtsein bewegt sich. Indem das Bewußtsein fortwährend in dialektischer Bewegung ist, wobei das Bewußtsein sich selbst und auch seinen Gegenstand bewegt, und hieraus dem Bewußtsein der neue Gegenstand entspringt, ist im Eigentlichen das, was die Menschen Erfahrung nennen. –

Erfahrung! Ein neues Licht breitet sich auf diesem Felde aus.

 Im Bewußtsein wandeln sich die Inhalte. Jener erste Gegenstand,
der es am Anfang noch wahr, hört auf, das „An-Sich“ zu sein. Dieser Gegenstand wird dem Bewußtsein etwas,
das nur für das Bewußtsein das Wahre ist, das nur für das Bewußtsein ein „An-Sich“ darstellt. In diesem neuen Gegenstand
sitzt die Nichtigkeit des ersten, des früheren Gegenstandes. Der neue Gegenstand ist
die über den ersten Gegenstand gemachte Erfahrung. Der neue Gegenstand ist
durch eine Umkehrung des Bewußtseins entstanden!

*
Hegel war steckenweise aber auch ein Genialer in der Sprache des Ausdrucks.

So sind diese Sätze von ihm:
Hegel lange vor Einstein:
Das Wesen des Raums und der Zeit ist die Bewegung.
Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit, der Raum geht in sie über.

HEGEL an Goethe:
Das Absolute ist gerade das ganz Gegenwärtige.
Das Absolute ist zunächst austernmäßig verschlossen.

Wir haben abstrakte Fensterstellen nötig, um das Absolute sich
nach Licht und Luft herausarbeiten zu lassen.
Wir müssen das Absolute in das Reich des Tages und der Realität
herausführen in besonderer Weise, denn diese Schemen können
nicht ohne weiteres in die Buntheit der Welt, die sie nicht gewöhnt sind,
hineingestellt werden. Ein GERADEZU vertragen sie nicht.
Sie würden erblinden oder zu bloßen Schemen zusammenschwinden.

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