97. Neuer Baudelaire

Auf Umwegen nähert sich Calasso der Welt Baudelaires, um so in ihr Zentrum zu stossen. Er beginnt mit einem Brief Baudelaires, der seine Mutter einlädt, sich mit ihm im Louvre zu treffen. In der einfach-komplizierten Faktur dieses ganz persönlichen Briefs entdeckt Calasso das ganze Geheimnis von Baudelaires Stil. Für Calasso ist die Prosa, von den Gemäldekritiken seiner «Salons» bis zu den Briefen, Baudelaires eigentlicher Ruhm. Dass Baudelaire ein grosser Prosaist ist, der die Gabe memorabler Formulierung besitzt, ist eine Entdeckung Calassos, dem die Lyrik mit ihrer doch unvergleichlichen poetischen Energie ferner steht. Zwar findet er für sie immer wieder, wenngleich nicht vorbehaltlos, rühmende Worte, aber vor allem ist er ein Wünschelrutengänger für die geballte Intensität der beschreibenden und theoretischen Prosa, die oft noch kein Leser wahrgenommen hat und aus deren Erweckung ein neuer, bedrängend naher Baudelaire ersteht. (…)

Calassos Darstellung spiegelt Baudelaires Welt in all ihren Facetten. Dabei ist es kaum vermeidbar, dass auch manches keine Beachtung findet, was man für Baudelaires geistige Physiognomie als nicht unerheblich ansehen möchte. Dies gilt insbesondere für Baudelaires Erfahrung der Melancholie. In ihrer Mitte steht Dürers Kupferstich der Melencolia, der sich seinem Werk vielfältig eingeschrieben hat. Überraschend mag auch erscheinen, dass Calasso dem Komplex von Dichtung und psychischem Grenzzustand nicht nachgeht, wie er im Sonett «Auf Tasso im Gefängnis» («Sur le Tasse en prison») seinen Ausdruck findet, das sich seinerseits an Delacroix‘ gleichnamigem Bild inspiriert. Auch stand Baudelaire wohl dem subtilen Prosaisten und in die Dimension der lyrischen Dunkelheit vorstossenden Dichter Nerval näher, als es bei Calasso erscheinen mag. Dennoch: Nie wurde Baudelaires Welt, die Welt der Moderne, die im Paris des 19. Jahrhunderts ihre geistige Physiognomie fand, mit so treffender und leichter Hand beschworen wie in Calassos «Folie Baudelaire». / Karlheinz Stierle, NZZ

Roberto Calasso: Der Traum Baudelaires. Aus dem Französischen von Reimar Klein. Hanser-Verlag, München 2012. 496 S., Fr. 46.90. Soeben ist das italienische Original «La Folie Baudelaire» beim Mailänder Adelphi-Verlag auch als grossformatige Luxus-Neuauflage erschienen (442 S., € 100.–.).

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