22. Bemühte Naturlyrik u.a. Schätze

In der Tageszeitung junge Welt Kai Pohls „große Literaturzeitschriftenrundschau“. Darin u.a.:

Edit

Kompliziert wird der Spaß im Ecopoetics genannten einzigen Lyrikteil des Heftes. Hier sinniert Forrest Gander über die müßige Frage, ob Dichtung ökologisch sein kann, und Anja Utler stolpert über poetisch-ökologische Aufbruchskanten. Schön, daß zum Ende wenigstens Gary Snyder »kalte Schneeschmelze aus einem Alubecher« trinkt.

Krachkultur

Mit dem Abdruck des Essays »Pornographie in Norwegen von der Wikingerzeit bis heute« des norwegischen Anarchisten Jens Bjørneboe beweist Krachkultur, daß Zeitschriftentexte einen Anspruch auf Exklusivität haben. (…) Beim Lesen des erwähnten Essays aus dem Jahr 1967 entsteht der Eindruck, »als würde der Autor über die psychosexuelle Gesinnungslage des Utoya-Attentäters oder des durchschnittlichen NPD-Anhängers von heute berichten« (aus der Pressemitteilung).

Krautgarten

In der eher des Antifaschismus verdächtigen Zeitschrift Krautgarten, dem Organ der »deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens«, finden sich in der Novemberausgabe Gedichte des bekennenden Rechten (…) Martin Mollnitz alias Heino Bosselmann. In einer Polemik, die der Freitag am 6. Mai druckte, machte der Autor kurzen Prozeß mit der »neuen Lyrik« (oder dem, was er dafür hält): Sie sei das »Diktat des Mittelmäßigen«, ein »Übermaß an hohlem Geräusch«, »armseliges Gedöns« etc. Mollnitz’ Gedichte im Krautgarten belegen, daß sie selbst an den von ihm beklagten Mißständen leiden. Augenfällig ist die »bemühte Naturlyrik«: »über kahlem feld … nebel überall nebel … das wiehern verendender pferde / und raben raben raben … die krähen haben die äcker für sich … es nebelt nur so … die aale ziehen flußabwärts«, etc.

Nicht nur zahlreiche Leser, auch manche Verfasser von Gedichten begreifen Lyrik als ein Medium für den entrückten, gehobenen Sprachgebrauch. Im Krautgarten manifestiert sich das in der Hälfte aller Gedichtbeiträge, wo in beinahe jedem Poem das Wort Himmel auftaucht, und fehlt der Himmel, dann sind es wahlweise das Blau, die Wolken, die Sonne, das Licht bzw. Firmament, Horizont, Äther, Abglanz, Geblitz, Leuchten etc. Manches geht aber gut los. So läßt der frischgekürte Walter-Bauer-Preisträger André Schinkel in seinem Dreiteiler »Die Dünung des Leibs« zwei Wesen »übereinander herfalln«, bis »die Nippel glühn«, bis – leider, leider – die Verse »An den Gebresten / Der Tage« versanden.

Randnummer

Sehr schön ist jedenfalls das Interview »Nein« von Mara Genschel, der »wohl erste[n] und einzige[n] Textnegatorin deutscher Sprache«. Das Problem der Randnummer besteht in ihrem Gewicht: 530 Gramm* bei 256 Seiten, die allerdings sehr großzügig gesetzt und aus schwerem Bilderdruckpapier sind, so daß sich durchaus Einsparpotential ergeben hätte!

Signum

Gewidmet ist es dem 1992 freiwillig aus dem Leben gegangenen Schriftsteller Manfred Streubel. Für den unbefangenen Leser bleibt es ein Rätsel, wieso Streubel, weder »Dissident« noch »Mitläufer«, als »Außenseiter« bezeichnet wird; derselbe Streubel, der Anfang der 1950er Jahre, nach einem Volontariat bei der jungen Welt, als Redakteur der Kinderzeitschrift Frösi tätig war; derselbe Streubel – Hausautor beim Mitteldeutschen Verlag, ein gutes Dutzend Bücher, diverse Preise, Mitarbeit beim Film, Lyrikvertonungen, mehrere aufgeführte Theaterstücke, der den Text zum Lied der jungen Naturforscher schrieb – vielleicht ein früher Fall von Ecopoetic!

Hefte für Neue Prosa

Darin findet sich u.a. ein spannendes Gespräch, das Florian Neuner mit Jürgen Ploog führte. Der Altmeister der deutschsprachigen Cut-up-Literatur gibt darin zu bedenken: »Es gibt kaum Verlage, die sich um Abseitiges, Unangepaßtes kümmern, kaum Zeitschriften, die sich Andersartigem annehmen. Die deutsche Mentalität neigt dazu, sich romantisch zu stilisieren. Sie will anders und dagegen sein, ohne das zu artikulieren und sich dazu zu bekennen.«

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