100. L-e-s-e-n

(…) und die luftige (lustige) pa­ragrammatische Assoziation feiert fröhliche Urständ auch in der Lyrik nach 2000: In, beispielsweise, Mi­kael Vogels Mas­senhaft Tierelaufen mir nicht bloß Leeren und Lehren der Straßen übern Steg, und dermaßen durch­drungen lese ich, eyes wide as saucers, nein, kein Scherz (eher schon: Merz), auf dem buchstabenblutenden Beipackzettel von Sal­buBronch: Zur Er­heiterung der Bron­chien, und, suchstäblich gleichsam, anti­thetisch · brachylo­gisch ∙ chi­as­misch ∙ dysphe­mis­misch ∙ elliptisch ∙ flos­kel­haft ∙ geminatio­nisch · hy­perbolisch · ironisch · ka­tachre­tisch · lautmalerisch ∙ meta­pho­risch ∙ neolo­gisch ∙ oxy­moro­nisch ∙ paro­nomatisch ∙ quirilierend ∙ repe­tito­risch ∙ syn­ästhe­tisch ∙ teoda­daistisch ∙ unter­trei­bend ∙ vulgär · wortspie­lerisch · xylopho­nisch ∙ yid­disch ∙ zy­nisch geht es zu in den all­tägli­chen Al­phabe­ten von Fabri­kan­ten, Fein­den, Fremden, Freunden, Ver­wandten, Versver­fassern,der schat­ten des dichters schreibt die sonnenzeit (Claus Bremer), daß mir, ja, in der Tat, Hören und jetzt / jetzt jetzt jetzt (beim Lesen von Helmut Heißen­büttelsTopographien) auch Se­hen verge­hen, beispielsweise so bei Oskar Pastior: flunder plunder zan­der schinder – ›usw.‹

An einem Tag im Mai des Jahres 2012 lese ich in einer E-Mail von Axel Kutsch Gotthold Eph­raim Lessings Begehr Wir wollen fleißiger gelesen sein. An diesem heftigen Verlangen hat sich wahr­scheinlich wenig bloß geän­dert seit jener ›guten alten Zeit‹ (die sicherlich alles andre, bloß das nicht war, nicht wahr?). In Mas­sen werden Bücher gedruckt, in Horden Auto­ren in den Himmel gehoben, aber werden sie auch gelesen? (Muß man sie alle lesen, und wollen sie alle gelesen sein?) »Ja, das weiß man nicht«, seufzt Kraus – vielsagend wie eh und je. Mich mit dieser sibyllini­schen Bemerkung keinesfalls abfinden wollend, blättre ich ein bißchen in Bü­chern und werde schnell fündig – bei Friederike Mayröcker, die ich im­mer lesen will: Ich möchte einfach, daß Leute meine Bücher l-e-s-e-n. – Und zwar Leser, die etwas mit meinen Texten machen, die mich in irgendeiner Weise kennen­lernen und damit wahr­scheinlich auch sich selber besser kennenlernen. / Theo Breuer, KuNo

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