99. Kein Frieden mit Deutschland

Aus drei schmalen Bändchen, in denen Kaléko einst ihr Vermächtnis vermutete, sind so – mit allen bekannten Werken, dazu rund 150 bisher unveröffentlichte literarische und journalistische Texte sowie über 1400 erstmals publizierte Briefe inklusive Kommentarband – vier dicke Bücher geworden, über 4000 Seiten stark. Die umfassende Edition ist nicht nur eine Fundgrube für jene Kaléko-Fans, die bisher in verstreuten Sammelbänden vom Suchtstoff der einfachen und doch so eleganten Sprache dieser Dichterin gekostet haben. Vor allem erhellt sie bislang eher wenig beachtete Etappen einer auch politisch aufregenden Dichterinnenbiografie. So sind hier, mit „Höre, Teutschland“ und „Bittgesuch an eine Bombe“, zwei leidenschaftliche Hassgedichte auf die Nazis erstmals wieder im Kontext der 1945er Originalausgabe von „Verse für Zeitgenossen“ zu finden. 13 Jahre später fehlten sie in der von Rowohlt beträchtlich modifizierten Neuauflage des Exil-Bands. In den Briefen finden sich keine Belege für einen Widerstand Kalékos gegen diesen Eingriff; wohl ein Hinweis darauf, dass sie glaubte, nach dem Comeback 1956 mit den neu aufgelegten beliebten Vorkriegsgedichten eine Art Frieden mit Wirtschaftswunder-Deutschland gemacht zu haben. Er sollte trügerisch sein.

(…) ein Berliner Ereignis nur drei Jahre später aber sollte den Nachkriegsruhm Mascha Kalékos abrupt beenden. Die Akademie der Künste hatte ihr den Fontane-Preis angetragen; Hans Egon Holthusen aber, damals Direktor der Abteilung für Dichtung, war jahrelang SS-Mitglied gewesen. Aus seiner Hand mochte sie die Ehrung nicht entgegennehmen. Kalékos Haltung wurde damals nicht öffentlich. Wohl aber dürfte ihre Prinzipienfestigkeit die Runde im Literaturbetrieb gemacht haben. Nie wieder in ihrem Leben wurde sie mit einem Preis bedacht. Auch die Verbindung zu Rowohlt kriselte bald; sie warf dem Verlag vor, zu wenig für ihre Bücher zu tun, und trennte sich. / Jan Schulz-Ojala, Tagesspiegel

Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. und kommentiert von Jutta Rosenkranz. dtv, München 2012. 4 Bände in Kassette, 4068 Seiten, 248 €. Broschierte Studienausgabe 78 €.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: