119. „Den Massen unverständlich“

Die sowjetrussische Version des Problems. Die tonangebenden Kritiker warfen      Majakowski vor, seine Verse seien nicht "volkstümlich" und den Massen            unverständlich. 1927 veröffentlichte  er dieses Gedicht.

In der fünfbändigen Werkausgabe im DDR-Verlag Volk und Welt, Band 1: Gedichte    (1966) fehlt es. Auch da gabs zu viele Mittler, die sich auf den Schlips getreten fühlten. Heute gibts die auch, aber ihre Lösung ist einfacher. Majakowski? Lesen sie nicht.

Deutsche Fassung von Karl Dedecius aus: Wladimir Majakowskij: Gedichte. Stuttgart: Reclam   1971, S. 50ff.

[leider entfernt wordpress die "Treppen", die bei mir im Entwurf zu sehen sind.  Also dauert das Formatieren noch etwas länger.]

"Die Masse versteht nicht"



Zwischen Schriftsteller
.......................und Leser
................................stellen die Mittler sich
und der Geschmack
.................der Mittler
............................ist äußerst durchschnittlich.
Diese
.....Mittelmäßigen
..................aus der Vermittlerzone
sitzen zuhauf
.............in Kritik
......................und Redaktionen.
Wohin
.....dein Gedanke
.................auch immer liefe,
so einer betrachtet
...................alles
........................träge:
"Ich
....bin ein Mensch
..................ganz anderer Begriffe;
Ich weiß,
.........schon der alte Nadson,
...............................mein Kollege...
Arbeiter
........lieben nicht
....................Zeilen, die kahl."
(Und Assejew
............deckt noch
......................diese Adjunkte!)
"Und Satzzeichen?
.................Punkte
.......................sind ein Muttermal.
Sie
...kürzen den Vers,
...................verschwenden die Punkte.
Genosse Majakowskij,
....................bei normalen Intervallen
könnt' ich
..........pro Zeile
...................zwei Groschen mehr zahlen."
Er erzählt mir
..............Legenden
......................aus uralten Quellen,
läßt seinen Vortrag
...................vier Stunden dauern,
und zu allem
............sagt
................der trostlos Intellektuelle:
"Sie
....werden nicht verstanden
...........................von den Arbeitern und Bauern."
Den Autor
.........hat Schuldbewußtsein
.............................vernichtet.
Dabei bekam
...........sein kompetenter Kritikaster 
Bauern
......nur vor dem Krieg
.......................zu Gesichte,
als er im Dorf
..............bei Kalbshaxe rastete.
Und Arbeiter
............hat er noch minder getroffen –
zufällig
........zwei
............bei der Wasserkatastrophe.
Sie standen auf der Brücke
..........................und sahen
...................................gelassen
wie die Eisschollen trieben
...........................und die Wassermassen.
Der Kritiker kannte,
....................um das zu betonen,
zwei Exemplare
..............von vielen Millionen.
Was ist schon dabei:
....................Knochen und Häute...
Leute sind Leute!
Und abends
..........beim Tee,
...................da prahlte der Pfau:
Ich
...kenne
........die Arbeiterklasse genau.
Ich
...las hinter ihrem Schweigen
.............................die Seele:
nichts von Verfall
..................und keine Querelen.
Wer wird denn
.............gelesen
....................von dieser Klasse?
Doch nur ein Gogol,
...................doch nur die Klassik.
Und Bauern?
...........Genauso.
..................Und gar nicht anders.
Ich weiß noch, wie früher,
.........................im Lenz auf dem Lande..."
Solches Geschwätz
.................auf unserm
...........................Parnasse
ersetzt bei uns oft
...................die Kenntnis
...............................der Masse.
Veraltete Muster
................müssen beweisen
die Kunst des Worts,
...................des Pinsels,
...............................des Meißels.
Flinke Talente
..............fluten
....................in Mengen:
wie Rosen,
..........Kosen
...............und Gitarrenklänge. 
Ich bitte
.........die Schreiber
......................mit angstnassen Augen,
sich nicht
..........Armeleutekunst
........................aus Daumen zu saugen.
Es kapiert ganz gut
...................die führende Klasse
die Kunst,
..........nicht schlechter als eure Kaste.
Tragt hohe Kultur
.................in unsere
..........................Lande,
statt nur
.........zu bedauern!
Gut Buch
........tut not
...............und es wird verstanden:
von euch
........und mir,
................von Arbeitern
.............................und Bauern.

Anm.:
Nadson: russischer Lyriker (1862-1887)
Assejew, Nikolai: sowjetischer Lyriker, Schüler Majakowskis. In dem Gedicht      "Jubiläumsverse" schreibt Majakowski: 
"Da ist zwar noch Assejew, unser Kläuschen. 
Der kann was. Hat die Spannweite von mir. 
Doch ach, man muß verdienen, denn man hat im Häuschen 
Familie, wenn auch klein, man sorgt doch für."


[Formatierung wird später vervollständigt, M.G.) «МАССАМ НЕПОНЯТНО» Между писателем ...............и читателем ..........................стоят  ..........................посредники, и вкус ......у посредника ..................самый  ..................средненький. Этаких средненьких из посреднической рати 10 тыща    и в критиках  и в редакторате. Куда бы мысль твоя ни скакала, этот   все озирает сонно: — Я   человек другого закала. Помню, как сейчас,    в стихах у Надсо̀на... Рабочий не любит строчек коротеньких. А еще посредников кроет Асеев. А знаки препинания?  Точка — как родинка. Вы стих украшаете,    точки рассеяв. Товарищ Маяковский,   писали б ямбом, двугривенный  на строчку  прибавил вам бы. — Расскажет несколько средневековых легенд, объяснение часа на четыре затянет, и ко всему присказывает унылый интеллигент: — Вас не понимают рабочие и крестьяне. — Сникает автор от сознания вины. А этот самый критик влиятельный крестьянина   видел   только до войны, при покупке  на даче ножки телятины. А рабочих и того менее — случайно двух во время наводнения. Глядели с моста  на места и картины, на разлив, на плывущие льдины. Критик  обошел умиленно двух представителей из десяти миллионов. Ничего особенного —    руки и груди... Люди — как люди!  А вечером за чаем сидел и хвастал: — Я вот знаю рабочий класс-то. Я душу прочел за их молчанием — ни упадка, ни отчаяния. Кто может  читаться в этаком классе? Только Гоголь,  только классик. А крестьянство?  Тоже.   Никак не иначе. Как сейчас, помню —   весною, на даче... — Этакие разговорчики у литераторов у нас часто     заменяют знание масс. И идут дореволюционного образца творения слова,  кисти  и резца. И в массу плывет интеллигентский дар — грезы, розы и звон гитар. Прошу писателей, с перепугу бледных, бросить высюсюкивать стихи для бедных. Понимает ведущий класс и искусство не хуже вас. Культуру  высокую  в массы двигай! Такую, как и прочим. Нужна и понятна хорошая книга — и вам, и мне, и крестьянам, и рабочим. [1927]

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