81. Rückkehr der Religionen

Nun wendet sich Rushdie dem Leben unter der Fatwa zu, vor allem, was seine Freunde und Unterstützer mitgemacht haben; er bleibt dabei witzig und ironisch, als erzähle er tatsächlich über einen Dritten. Er erinnert daran, dass sein japanischer Übersetzer ermordet wurde, sein italienischer Übersetzer fast totgeschlagen, und dass sein norwegischer Verleger einen Anschlag mit einem Gewehr nur wie durch ein Wunder überlebt habe. „Ich habe niemals geglaubt, ich sei an der Vorderfront dieses Kampfes“, sagt er. Ganz vorne auch seien die Buchläden gewesen. Es gab Bombenanschläge, nicht nur hier und in England, auch in Australien.

Noch heute bekomme er Briefe. Buchhändler schrieben ihm, dass jemand ihnen mit Gewalt gedroht habe, wenn das Buch nicht verschwinde. „Und die meisten stellen es dann, als Akt des Widerstandes, ins Schaufenster.“ Auch viele Verlagsmitarbeiter seien tapfer gewesen. Im Buch schildert er, wie erboste Moslems bei Lektorinnen anriefen und drohten, sie wüssten, in welche Schulen deren Kinder gehen. (…)

„Und ich finde es geradezu unglaublich, dass keiner meiner Londoner Freunde, eigentlich ein Zirkel, der an Vertratschtheit nicht zu überbieten ist, über Jahre nicht verraten hat, wo ich stecke.“ Deren Solidarität habe ihm damals geholfen, nicht verrückt zu werden. Lieber allerdings wohnt er heute in New York. Das schlimmste, was ihm hier passiert sei, war ein Mann, augenscheinlich aus Indien, der ihm auf der Straße heftig erregt gesagt habe, Vidiadhar Naipaul sei ein zehnmal besserer Schriftsteller als er. (…)

„Der Roman wurde geschützt, jeder kann ihn heute lesen“, sagt er. „Aber es hat Leuten Angst gemacht ein Buch über den Islam zu veröffentlichen, und das wirkt nach. Bei Terrorismus geht es ja darum, Furcht zu verbreiten.“ Und ja, die Kunst sei mächtiger als das Schwert, und werde das Schwert überleben; der Künstler allerdings nicht so sehr. „Wir kennen heute noch die Gedichte von Osip Mandelstam, aber der Poet wurde in Stalins Arbeitslagern ermordet. Federico García Lorca wurden von Franco umgebracht.“ (…) / Eva C. Schweitzer, Die Zeit

Perlentaucher:

Die Zeit, 20.09.2012

Salman Rushdie spricht mit Susanne Mayer darüber, wie die 1989 von Ajatollah Chomeini verhängte Fatwa sein Leben verändert hat. Die religiöse Sprengkraft habe er damals unterschätzt, gibt Rushdie zu, und konstatiert, dass sich die Welt seitdem verändert hat: „Wir leben in einer Gesellschaft, deren Plage die Rückkehr der Religionen ist. Nicht nur des Islams. In Amerika sehen Sie die Erstarkung der christlichen Rechten, in Indien eine Erhebung des rechten Hinduismus. Pakistan ist heute ein dunkler Ort.“

 

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