54. Konrad-Bayer-Dossier

Nie zuvor hat das „Schreibheft“ so viel Sorgfalt und Mühe auf die bio­grafische Erschlie­ßung eines Schrift­steller­lebens verwendet. Frühere Hefte konzen­trierten sich auf kühle literatur­theoretische Exegesen und streng philo­logische An­nähe­rungen. Das Konrad-Bayer-Dossier trägt nun in seiner Collage persön­licher Dokumente, Erin­nerungen und Bild­zeug­nisse fast hagio­grafische Züge. Der große Avant­gardist Bayer tritt uns hier als selbstquälerischer Unruhe­geist entgegen, in verzwei­fel­ten Brie­fen, Kommen­taren, faszi­nieren­den Fotos und Hand­schriften. Der nieder­ländische Essayist und Über­setzer Eric de Smedt hat gemeinsam mit dem „Schreibheft“-Heraus­geber Norbert Wehr ein Dossier zusammen­gestellt, das die Schlüssel­szenen im Leben eines kompromiss­los rebel­lischen Autors rekonstruiert.

Konrad Bayer fehlte vollkommen das Karriere­bewusstsein seiner Mit­streiter Gerhard Rühm, H.C. Artmann und Friedrich Achleitner. Er war, in seiner völligen Hingabe an ein egomani­sches wildes Boheme-Leben, ein „böser Bub“, stets bereit zum Exzess in der Liebe und jederzeit willens, sich „an die Grenze seiner Physis zu bewegen“.

„Das Geschwätz vermeiden“, so hat er an den oberen Rand eins seiner grapho­manisch bekrit­zelten Blätter geschrieben, die nun das „Schreibheft“ aus dem Nachlass veröffentlicht. Auf einem anderen Blatt findet sich ein weiterer pro­gramma­tischer Impe­rativ: „Die Ver­neinung nicht vergessen“. / Michael Braun, Poetenladen

Schreibheft 79
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 192 Seiten, 13 Euro.

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