30. Der George-Ton

Als ich Stefan George entdeckte, verstreute Gedichte, dann ein Reclamband und Antiquarisches, warnten mich alle: Den findest du gut? Sogar eine Studentin aus Kairo, die bei einem DDR-Germanisten Deutsch gelernt hatte und die es nach Greifswald verschlug,  sagte es mir.

Ja, ich fand ihn gut und erst recht interessant.

In letzter Zeit scheint Zustimmung zu überwiegen, ach was: Verehrung. Biographie auf Biographie zelebriert das Heilige Deutschland*, Fauxpas, aber den heiligen Dichter doch? Ein Held des konservativen Feuilletons, endlich wieder…

Ein angesagter Dichter. Aber man wird doch lästern dürfen. Der George-Ton.

O wir verstehen ja, was die Konservativen entzückt. Da gelten noch Werte. Ein Mann ist ein Mann, stark, edel und mutig, der Dienst ist notwendig, der Feind ist tückisch und wird besiegt, im Wald haust (nicht wohnt) Unheil, reichlich Fahnen und Glocken begleiten das Tun der Edlen, der Teich ist ein Weiher, die Wege Pfade, die Ufer Gestade, man betet zu Wolkenthronen, und immer ein Führer führt uns in der Not:

Er kennt kein sinnen und kein wanken ·
Die bösen fühlten seine wut ·
Die armen die zu fuss ihm sanken
Verteilten sich sein ganzes gut.

Er wird mich immer unterweisen
Im graden wandel vor dem Herrn ·
Mein bruder ist aus wachs und eisen ·
In seinem schutze weil ich gern.

Amen. Die Jamben hauen die Welt zu handhabbaren Stücken. Da troff erfüllung aus geweihten händen.

Metrum, Reim, Wortwahl, alles steht im Dienst der Ordnung. Auf die Adjektive ist Verlaß. Die Stadt ist hehr, das Kleinod köstlich, die Jugend frisch, der Äther rein, das „Haupt“ – na was wohl, blond. Kurz, Georges Verse bestehen aus dem, was Gottfried Benn den seraphischen Ton nennt.

Selbst in den guten Gedichten gibt es so Stellen. Eins der besten und berühmtesten:

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·

Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Hier stimmt ja gar nicht, was der Spötter über die Adjektive sagte. Der totgesagte Park: mit einem einzigen überraschenden Adjektiv entsteht ein Vorgang, der uns packt. Die Gestade, Weiher und Pfade zugestanden: sie werden von den Adjektiven gemildert, wo nicht ins Überraschende gewendet: lächelnde gestade, unverhofftes blau. Die dritte Zeile ist eine Sensation (das Wort bedeutet eigentlich Empfindung, Gefühl). Nicht in seinen Verlaine-Übersetzungen: hier ist er Verlaine ganz nah. Ein fast perfektes Gedicht: einzig die letzte Zeile der mittleren Strophe gemahnt an die Süßigkeit des Georgetons in den kostbaren (erlesenen)  Verben für effeminierte Tätigkeit. Die schöngezeichnete Natur wird – erst hier und nur hier – ins Sakrale gewendet. Die letzte Strophe kehrt zu Konkretem zurück und mündet in den Auftrag an den Dichter. Das letzte Wort, „gesicht“, wird durch die konkrete Tätigkeit des „Verwindens“ und das detailreiche Herbstbild aus dem Sakralen (das unsere Heinis so lieben) ins Künstlerische gewendet.

***

Daß ein  jüngerer Dichter auf George verweist, war mir zuerst bei Thomas Kling aufgefallen. Seine Anthologie „Sprachspeicher“ bringt nur ein Gedicht von Nietzsche, aber 6 von George. 6 ist die Höchstzahl, die bekommen nur die Größten: Walther von der Vogelweide, Goethe, Hölderlin, Rilke, Trakl, Benn und Celan. Und eben George. Dann geht es runter, Heine 5, Droste 4, Brecht 2. Ganz und gar nicht gegenkanonisch.

Und doch fällt auf, daß seine Auswahl gegen den Strich gebürstet ist. Auf der Suche nach schwachen Stellen, Parfüm und Gips wird man gar nicht fündig. Kein einziges seraphisches Gedicht. Bis auf den totgesagten park: Wenig Bekanntes. Überraschendes. George hat Poesie, ja Humor! Die Kinder flennen. Bis er sie festet. Mit diesen 6 Gedichten läßt sich starten.

_______________

* Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg rief das, als er erschossen wurde. Oder war es „Es lebe das geheime Deutschland!“? Jedenfalls irgendwas mit George. Auf einen Verriß des Stauffenbergfilms schrieb jemand (Originalwortlaut):

Lieber Kritiker,
dieser Film war sein Geld wert und natürlich sitzen in diesem Saal auch Neonazis. Den lettzten Satz den Sie andeuten stammt von Oberst Stauffenberg. Er war nie so ein Widerstandskämpfer wie alle glauben, trotzdem wird er als das verehrt. Sein letzter Satz: „Es lebe das heilige Deutschland“ steht für seine Liebe zu seinem Vaterland, er ist und war ein Patriot und ist mit seinen letzten Worten auch so gestorben. Hätte er das nicht gesagt, wäre er ein vollkommender Verräter gewesen.

Es lebe das heilige Deutschland!

(Man sieht, heilig und richtig gehn nicht immer konform). Hier mehr http://sherman.blogsport.de/2009/01/27/lang-lebe-das-heilige-deutschland-oder-warum-stauffenberg-kein-held-ist/

One Comment on “30. Der George-Ton

  1. Was stefan george wirklich dachte

    Komm in die zugeparkte stadt, du sau
    Und immer hau auf lächelnde visagen
    Der blöden augen trübgeschautes blau
    Erhellt den plüsch der puff-etagen

    Dort nimm erst einen steifen grog
    Gegen den alten writer´s block
    Die fetten schenkel welken noch nicht ganz
    Und schlauchbootlippen heben deinen schwanz

    Vergiss dann das bezahlen nicht
    Die falschen scheine, lass sie liegen
    Und auch was übrig blieb von feuchten trieben
    Wisch es nicht aus dem rosigen gesicht

    Gefällt mir

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