8. Erdkunde

Es ist aufschlussreich zu verfolgen, wie sich in Beyers Texten langsam das Theoretische auflöst und etwas immer mehr Raum gewinnt, das sich nur aus dem Schreiben ergeben kann. Auf dem Umweg über die zwar abgeschlossene, in ihren atmosphärischen Umrissen aber noch zu erahnende Zeitgeschichte, die Welt der Väter und Großväter, entsteht ein Bewusstsein für die eigene Position: Die Romane Flughunde und Spione markieren einen bestimmten Weg. Die Nazizeit, die jüngste deutsche Geschichte ist für Beyer eine ästhetisch hoch aufgeladene Projektionsfläche. In „Erdkunde“ sind nun Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig so durchdrungen, dass sich die Kategorien von Zeit und Raum auf ungeahnte Weise verlieren. Marcel Beyer ist bei den Dingen selbst angelangt, und er hat dafür eine Sprache gefunden, die sich zunächst bedeckt hält, die sich vorsichtig herantastet, aber unwillkürlich ins Offene gerät. Die Rolle, die in der deutschen Lyrik lange die Natur eingenommen hat, wird jetzt langsam durch die Geschichte ersetzt: Marcel Beyers Erdkunde ist ein wichtiger Wegweiser dafür. / Helmut Böttiger, Südwestpresse

„Lyrik erleben“
Lyrikabend mit Marcel Beyer, Sabine Scho und Katharina Schultens, von Insa Wilke (Kölner Literaturhaus) moderiert
Mittwoch, 9. Mai,  19.30 Uhr, Deutschordensmuseum. Bad Mergentheim

Die drei Autoren lesen nicht nur aus eigenen Werken, sondern präsentieren auch Gedichte, von denen sie geprägt und beeinflusst wurden.

2 Comments on “8. Erdkunde

  1. Hier eine Fortbildung zum Thema Natur:
    Wald 2.0 – Naturlyrik im 21. Jahrhundert – Workshop für die Klassenstufen 8-10
    Berlin, 04.06.2012, AdK (Hanseatenweg), 9:30-13:00
    Anmeldung erforderlich unter kulturellebildung(at)literaturwerkstatt.org
    Flirrende Bäume (Ulrike Almut Sandig), Geräumte Parks (Daniel Falb), Herbstinfarkte (Tina Gintrowski), Plastiniertes Gelände (Tobias Falberg) – Natur und Naturerlebnis sind seit Jahrhunderten tradierte Themen in der Lyrik, doch die Naturgedichte des 21. Jahrhunderts haben nur noch wenig gemein mit den betulichen Landschaftsmeditationen vergangener Epochen. Geprägt durch die zunehmende Medialisierung unseres Alltags und durch die Einflüsse der Großstadt hat sich die Art und Weise der Betrachtung und Darstellung der Natur in der Lyrik verändert. Da kann es schon mal passieren, dass das klingelnde Mobiltelefon mit Vogelgezwitscher verwechselt wird oder der Waldspaziergang eher Horrorfilmstimmung hervorruft als beruhigend und erholsam zu sein. Der Schülerworkshop zeigt, wie junge Autoren Natur wahrnehmen und in ihren Texten darstellen und bietet Schülern die Möglichkeit über ihre eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen Gedichte zu schreiben.

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  2. Der letzte Satz ist eine interessante, aber stark verhandelbare Position. Eine gegenwärtige Massierung von Natur und/ oder »Natur« müsste erst noch nachgewiesen werden. Man muss nicht einmal nur den Autoren folgen, die sich mit Blick auf das eigene Werk gegen den Terminus »Naturlyrik« verwahren [wie Marion Poschmann in BELLA TRISTE 18: »Meine Gedichte sind keine Erlebnisgedichte und nach meinem Empfinden auch keine Naturgedichte, meine Landschaften sind Konstruktionen, sie reiben sich an den Vorstellungen, die wir von der Wirklichkeit haben.« (Aussage von 2007, also bezogen auf die ersten beiden Bände)]
    Hat aber die Geschichte Terrain erobert, und wenn ja, welche Geschichte, welches Terrain? Bei Marcel Beyer begegnen wir auch nicht »der Geschichte«, sondern herausgefilterten Elementen ― entre histoire.
    Fraglichkeiten. (Eher galten doch die Achtziger als Jahrzehnt der Natur-, vulgo: Ökolyrik. Und nicht die beiden Jahrzehnte danach.) Zumal: Böttiger spielt hier Aussagen ab, die er vor zehn Jahren getroffen hat [siehe http://www.perlentaucher.de/buch/marcel-beyer/erdkunde.html%5D
    Ist Böttigers »Geschichte« nun eher Poschmanns ›Vorstellung, die wir von der Wirklichkeit haben‹, kondensiert auf das Epizentrum der Historie: die Gegenwart? Oder erlebt das Naturgedicht eine Transformation vom intendierten hin zum nicht-intuitiven Naturgedicht, bei Stärkung der »Präsenz des rationalen Denkens« [Ursula Heukenkamp in TEXT + KRITIK XI/99: Lyrik des 20. Jahrhunderts]?
    Nur mal so.

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