80. „Überhaupt liebt Fiedler das Vexierspiel“

Mit den Lyrikbänden der beiden Debütanten Anne Dorn (siehe Besprechung von Jürgen Brôcan) und Michael Fiedler offeriert die neue Lyrikreihe des Poetenladen-Verlages direkt zum Auftakt die ganze Bandbreite der deutschen Gegenwartslyrik. Während es sich bei Anne Dorn um eine vertraute, wenn auch vergleichsweise wenig publizierte Stimme herkömmlicher, besser: geläufiger Dichtung handelt, hat man es bei Michael Fiedler mit einem experimentellen Dichter der jüngeren Generation zu tun, wiewohldie Methoden, derer sich Fiedler bedient, wie den „Cut“, nun auch bereits auf eine über fünfzigjährige Tradition zurückgehen, als die Beat-Generation – und namentlich ihr Vertreter William S. Burroughs –  mit Hilfe verschiedener „Schnitttechniken“ (neu zusammenzusetzenden Versatzstücken aus Zeitungen, Plakaten, Büchern etc.) ihre Vorstellungswelten auszutricksen suchten, um den a priori durch Vorurteile begrenzten Bahnen des eigenen Bewußtseins zu entkommen; – eine Methode, den Zufall und die moderne Montage in die Literatur einzubeziehen, um dann eine Interaktion mit eben diesen gesichteten „Fertigteilen“ hervorzubringen. Solche Autoren haben es traditionell schwer. Ihre Werke unterliegen oft dem Verdacht der Unverbindlichkeit oder Beliebigkeit, der Leser fühlt sich nicht abgeholt; einen Identifikationswillen aufzubringen erscheint immer dann fragwürdig, wenn zwischen zwei Buchdeckeln nicht entweder ein semantisch nachvollziehbares geschlossenes System von Weltbetrachtung vorgefunden oder wenigstens eines erfunden wird. …

Fiedlers Texte sind alles andere als ein willkürliches Spiel, sie sind es vielleicht für eine gewisse Zeit während des Vorarbeitens, ehe sich dann aus der Montagetechnik etwas eröffnet und zu neuen Sichtweisen führt. Man muß sich schon ein wenig hineinarbeiten in die 31 Gedichte, die in die drei Kapitel „von vielerlei Keimen geschwollen, besingt jeder, was er liebt“, „niemand weiß, warum wir uns zuhören“ und „während die Ziegen noch klettern auf buschwerkbestandenen Felsen“ unterteilt sind. Und die Gedichte sind überdies so wenig voneinander abgegrenzt, daß man die drei Kapitel auch als drei Langgedichte verstehen könnte. Überhaupt liebt Fiedler das Vexierspiel. / Dominik Dombrowski, Fixpoetry

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