79. Nach dem Open Mike

Wie die beiden Jurorinnen des diesjährigen Open Mike Felicitas Hoppe und Kathrin Schmidt dem Wettbewerb publizistisch hinterher treten, ist schon interessant. Erst Felicitas Hoppe, die den zur Preisverleihung anwesenden Journalisten im Grunde folgendes einigermaßen wirre Fazit in die Blöcke diktierte „Handwerklich solide, publikumswirksam vorgetragen, aber alles viel zu solide zu publikumswirksam vorgetragen. Weil uns das sehr verstört hat, haben wir die solidesten und publikumswirksamsten ausgezeichnet“ . Nun gesellt sich Kathrin Schmidt hinzu, die in einem Beitrag auf fabmuc unfertigen Poetiken und schlecht vorgetragenen Lyriklesungen hinterhertrauert. (Sorry für die polemische Reduktion, aber wie soll man das im Kontext sonst verstehen?) „Man ist ja schon froh, wenn einer sich in der Bescheidenheit übt, einfach seine Arbeit vorstellen zu wollen.“

Was Hoppe wie auch Schmidt da machen, ist relativ problematisch. Die Vortragsweise – an der nun wirklich nichts aber auch gar nichts auszusetzen war – wird perfide gegen die Autoren verwendet. Das klingt für mich schon eher nach Generationenkonflikt und eigener Verunsicherung denn nach echter Auseinandersetzung mit dem, was da kam. Im Grunde sagten beide Jurorinnen (insbesondere zum Großteil der Lyrik): ich kann damit nichts anfangen. Weil das aber den eigenen Standpunkt in Frage stellt, muss das, womit man nichts anfangen kann, geschwindelt sein. Deswegen benutze ich das an sich überzogene Wort „perfide“, denn ehrlich gesagt glaube ich, haben sich beide Jurorinnen die Motivation ihrer Äußerungen nicht eingestanden. „Perfide“ ist also nicht so gemeint, dass ich einen Vorsatz erkenne, sondern auf die Auswirkung der Aussagen bezogen.

Der Vorwurf, hier würde eine Vortragskunst mangelnde Qualität zukleistern, den man ja vertreten kann, wenn man die vorgestellte Lyrik nicht mag, wird leider in einen grundsätzlichen Professionalisierungsvorwurf (ist das wirklich ernst gemeint?) verkleidet.

Und ausgezeichnet wurde in der Prosa dann doch ausgerechnet eine Autorin, die eine brillante Inszenierung ihres Textes geradezu verkörperte. Es war eine schiere Freude der Gewinnern Christina Böhm zu lauschen. (So schädlich scheint professionelles Schreiben und Lesen also doch nicht zu sein… was denn nun?)

Bei der Lyrik hat man sich ebenfalls exzellent entschieden. Aber! man hätte durchaus zahlreiche sehr weltgewandte Lyriker zur Verfügung gehabt, die nicht dem anderen Vorwurf gegen die Beiträger entsprochen hätten, sie schrieben privat, zu selbstbezogen oder wie an anderer Stelle gern vorgetragen zu „mild“. Bei aller Wertschätzung für Sebastian Unger, seine Gedichte sind großartig, er ist zurecht ausgezeichnet worden. Allerdings macht die Auszeichnung unter den Vorzeichen solcher Vorwürfe wenig Sinn. Seine Gedichte waren nun gerade eben dies, die Verarbeitung relativ zeitlosen individuellen Leids. Aber dafür dann demütig genug vorgetragen? Will Kathrin Schmidt die Auszeichnung im Nachhinein so begründen? Eine Frechheit gegenüber dem Ausgezeichneten wie gegenüber jenen, die nicht ausgezeichnet wurden.

Mir haben alle ausgezeichneten Texte selbst ausnehmend gut gefallen, ich kritisiere nicht die Preisträger, sondern den Stil der Jury. (An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass luxbooks dieses Jahr die Vorauswahl der Lyrikbeiträger  vorgenommen hat, dass wir große Freude dabei hatten und es mit durchweg exzellenten, spannenden Lyrikern zu tun hatten, dass ich auch deswegen das Gefühl habe, hier widersprechen zu müssen.)

Felicitas Hoppe hat aus ihrer  Rede „an die Autoren“ einen Nachsatz gegen die Autoren des Wettbewerbs gemacht. Damit hat sie dem Preis und den von ihr Ausgezeichneten (man betrachte die Nachberichterstattung, alle machen aus der Bemerkung Hoppes das Grundfazit) mutmaßlich unwillentlich arg geschadet. Dass Kathrin Schmidt dies nun fortführt, stimmt nachdenklich.

Was mich besonders ärgert, ist eigentlich dass der Professionalisierungs-/Handwerklichkeitsvorwurf für nicht Dabeigewesene also für alle, die über den Open Mike in den Medien lesen, die Assoziation „zu glatt“ und „langweilig“ erzeugen muss. (Gemeint war ja eigentlich das Gegenteil, zu sehr auf Marktgängigkeit schielend). Dabei war die Prosa keineswegs immer handwerklich solide, sondern teilweise katastrophal schlecht. Die Lyrik hingegen war alles andere als „glatt“ oder langweilig, sie war kantig, vielseitig, gesellschaftsbezogen und lustvoll vorgetragen. Sie war auch keineswegs privatistisch/irgendwie befindlich wie es an anderer Stelle über die diesjährigen Beiträger hieß. Das konnte man für einen Großteil der Prosa durchaus sagen, wobei das aus meiner Sicht eher Feststellung denn Vorwurf ist. Warum sollen sich Autoren nicht mit sich selbst befassen? Was ist das bitte für ein literarischer Maßsstab? Es ist schlicht Ausdruck eines eigenen Lektürewunsches, also vom Kritiker selbst recht privatistisch gedacht.

Ich empfinde beide Äußerungen als verdammt schlechten Stil. Man stellt sich als Juror eines Wettbewerbs doch nicht hinterher hin und wirft allen Teilnehmern und damit auch den Ausgezeichneten und damit der eigenen Arbeit Dreck hinterher. Dann vergibt man konsequenter Weise keinen Preis. Die Jury will hier gleichzeitig die feuilletonistische Arbeit übernehmen. Dass dann im Nachhinein auch noch ein einzelner Autor von Kathrin Schmidt herausgepickt und ziemlich hässlich angegangen wird, finde ich eine ziemlich leichtfertige Frechheit.

Christian Lux
luxbooks

10 Comments on “79. Nach dem Open Mike

  1. Lieber Christian Lux,
    es ist in der Tat unglücklich, dass das eine mit dem anderen in meinem Text so verknüpft ist, dass der Eindruck entsteht, ich hätte mit der beim open mike vorgestellten Lyrik nichts anfangen können. Das stimmt absolut nicht mit meinem inneren Abbild der Lesungen überein. Ich bezog den ersten Teil meiner Bemerkungen (leider nur in meinem Kopf) auf die Prosa, führte dann aber unbedachter Weise einen Lyriker an, dessen Texte ich hintereinander weg gelesen hatte, abstrahiert von den genannten Brüchen, und geradezu über die Schlichtheit enttäuscht war. Das war das einschneidendste (und mich überraschendste) Erlebnis während des open mike, und es bezog sich auf einen einzigen Lyriker… (Sie werden vielleicht nicht vergessen haben, dass es uns schwer fiel, uns zu entscheiden, so dass wir auch noch zwei weiteren Lyrikern lobende Erwähnungen zukommen ließen, was bei drei insgesamt in dieser Kategorie Erwähnten den prozentualen Anteil des Lyrikaufkommens im Teilnehmerfeld übersteigt.)
    Was soll ich sagen? Das war dumm und ohne Fingerspitzengefühl geäußert, ich hatte den Text einfach nur schnell abliefern wollen. Nun ist er in der Welt. Aber diese Welt überschätzt sich auch, wenn sie meint, ich würfe allen, sowohl den Preisträgern wie den Nichtpreisträgern und zuguterletzt auch noch der eigenen Arbeit Dreck hinterher. Das war nun nicht im Mindesten meine Absicht. Es war in der Tat das erste Mal, dass ich mit persönlichen Positionen herauskam, und es erstaunt mich ein bisschen, dass sie solch ein Echo hervorrufen. Ihre Arbeit zum Beispiel nehme ich ernst, finde sie herausragend, so dass es mich schmerzt, dass Sie das so sehen (müssen), wie Sie schreiben. Ich nehme diese Strafe an. Aber ich kann es nicht ungeschehen machen und möchte bei allem zu etwas mehr Gelassenheit raten. Der Betrieb sollte bei seinen Leisten bleiben, finden Sie nicht? Sie kritisieren ja eigentlich nicht den Stil „der Jury“, zu der auch Tilman Rammstedt gehörte, sondern Felicitas Hoppe und mich.
    Sehr herzlich – Kathrin Schmidt

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  2. tut mir leid für den entstellenden satzbau im 7. kommentar.
    der eifer des gefechts.. sie wissen schon.

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  3. ich bin außerdem dagege, das ein text nach der art wie er gesprochen wurde (vielleicht auch anders
    präsentiert wurde) derart von einer jury bewertet wird, die sich die entsprechenden maßstäbe
    aus den fingern saugen muss. das sollten dann schon diejenigen machen, die sich mit den entsprechend-
    sprecherischen vermittlungsmöglichkeiten auskennen.

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  4. was ich hier zur sprache bringe hat wanig mit den einwänden gegen die ‚jury-äußerungen‘ zu tun.
    dass das schnell daneben gehen kann seh ich am klärungsbedarf.
    nach meiner auffassung kann der vorwurf -mit einem text nichts anfangen zu können- nicht beim
    leser allein hängenbleiben oder auf ihn zurückgeworfen werden.
    ich bin außerdem dagege, einen text nach der art wie er gesprochen wurde (vielleicht auch anders
    präsentiert wurde) nicht derart von einer jury bewertet werden, die sich die entsprechenden maßstäbe
    aus den fingern saugen muss. das sollten dann schon diejenigen machen, die sich mit den entsprechend-
    sprecherischen vermittlungsmöglichkeiten auskennen.
    als nächstes mahne ich an, die juroren nicht als solche zu kritisieren, da sie ja im vorfeld mit den entsprechenden
    kompetenzen ausgestattet wurden, das letzte wort zu haben. dazu gehört wiederum deren eigenes verständnis
    -resultierend aus ihren individuellen erfahrungen mit texten- von den zu bewertenden texten.

    diese vier probleme sind mir aus der diskusion dieses beitrags besonders aufgefallen.
    meine diskusion dieser punkte stellt weder den beitrag in frage noch die positionierungen der juroren im
    nachhinein; obschon die art und weise weniger diskurs- als pressetauglich gewählt zu sein scheint.

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  5. apropos sorry: wer ist eigentlich „s“, der oder die hier nicht nur mitliest sondern mitschreibt? ich finde schon, wer kräftig mitredet und auch mal austeilt, sollte es mit offenem visier tun. schließlich schmälert anonymität den wert ihrer meinung beträchtlich. rede, daß ich dich sehe, steht geschrieben.

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  6. „Das klingt für mich schon eher nach Generationenkonflikt und eigener Verunsicherung denn nach echter Auseinandersetzung mit dem, was da kam“, uiiihhhh, solch ein pfiffig, analytischer Blick! Leider ist der Text selbst so schlecht geschrieben, dass dann auch die „Hugh, ich habe gesprochen“-Manier nicht hilft……..

    [gilt auch für uiiihhhh. wer spricht? ich denke drüber nach, anonyme „meinungen“ zu sperren. m.g.]

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  7. sorry, aber dieser letzte kommentar war jetzt tatsächlich völlig wirr für mich, der ich hier mitlese. was genau wollen Sie sagen?

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  8. meine einwände haben nichts mit den deinen gegenüber der juryäußerungen zu tun,
    sondern beziehen sich auf den text; dass es darin spiegelungen einer meinung gibt,
    die du nicht vertrittst, ist ja klar, aber auch das steht in meiner überschrifft.

    nun bringt es ja nichts, sich gegenseitig ungenaues lesen oder wirre tipsereien
    vorzuwerfen, wenn es in diesem themenkomplex allgemein um diese 4 probleme geht.

    zu 4. natürlich hat es nichts mit der bewertung eines autors zu tun, sondern mit der
    bewertung seiner texte; und das hat es tatsächlich aus angeführten gründen. diese
    problematik kann zwar reflektiert- aber nicht ausgeschlossen werden

    zu 3. ja ja, der punkt ist sehr wirr geworden.
    aber gerade wenn sich die jury solcher schlammschlachten jenseits ihrer sozialen
    rollen als juroren hingeben und somit als privatpersonen, sollte das nicht in einem
    topf landen.

    zu 2. ich habe mir aus deinen ausführungen 4 problematiken entlehnt, die bei der
    vergabe des preises eine wichtige rolle gespielt zu haben scheinen.
    und gerade diesen punkt: weil ich die entsprechende kompetenz der jury in hier
    leider anzweifeln muss, da sie scheinbar nicht viel mit der bewertung gesprochener
    texte am hut hatte.

    zu 1. geanu da stehen wir jetzt auch: eine notwendige kommunikation über den text.
    das mit ‚wirr‘ zu kommentieren kratzt also nicht nur an meinen etelkeiten, sonder
    fordert mich auch auf, mich zu erklären.

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  9. genau lesen hilft. nur punkt eins macht gerade so irgendeinen sinn. den rest verstehe ich als replik auf meine einwände überhaupt nicht.

    1. „ich kann damit nichts anfangen“, ist auch aus meiner sicht ein vollkommen in ordnung gehender einwand. nur die fortführung zu: also muss es murks sein, finde ich schwierig.
    2. zum einen ist der open mike durchaus ein vorlesewettbewerb. zum anderen sollte die fähigkeit des autors seinen text vorzutragen doch eben nur bedingt eine rolle spielen. hier aber hat die jury aus der hohen qualität des vortragens den autoren einen strick gedreht. was sie dazu schreiben ist einigermaßen wirr. es hat mit meinen ausführungen nichts zu tun.
    3. ich kritisiere nicht die entscheidungen der jury, sondern die art, wie sie über ihre entscheidungen kommuniziert. (genau lesen hilft). ich fürchte, sie haben mich generell nicht richtig verstanden.
    4. erneut: natürlich ist lesen immer privat (meinen wir jetzt subjektiv?), weil von einem menschen durchgeführt. aber auch schreiben ist dann immer privat/subjektiv?. warum soll bei einer bewertung weltgewandtheit/innengewandtheit (was wäre der gegensatz?) eine rolle spielen? was hat das mit der qualität eines autors zu tun? nix.

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  10. ich habe mit dem text 4 probleme:

    1. „ich kann damit nichts anfangen. Weil das aber den eigenen Standpunkt in Frage stellt,“
    ich glaube nicht, dass hilflosigkeit mit texten immer NUR was mit deren lesern zu tun hat.
    ich glaube weiterhin, dass -mit einem text nichts anfangen zu können- NUR auf den
    rezipienten gerechnet werden kann, auch wenn er/sie diejenigen sind, die das mokieren.
    folglich denken ich -eben diesen ‚vorwurf‘ oder ‚hilferuf‘ auch von der autorenseite be-
    rücksichtigen zu müssen, um wieder gemeinsam über lyrik reden zu können.

    2. „Die Vortragsweise – an der nun wirklich nichts aber auch gar nichts auszusetzen war“
    als wäre es ein rezitationswettbewerb gewesen, der ohne entsprechende juroren -aus der
    vortragskunst und/oder dem darstellenden spiel- und damit geschulte ohren, bewertet wird.
    wenn es um die bewertung der vortragskunst geht (i.S.v. Autorenlesung), plädiere ich hier
    wieder für ein aktiveres einbinden entsprechender kompetenzen.
    (wir könnten auch klempner über dichtung urteilen lassen!)

    3. „ich kritisiere nicht die Preisträger, sondern den Stil der Jury.“
    (siehe punkt 2.)
    wozu denn dann naoch jury, wenn sie hinterher angegangen wird? die parlamentarische
    demokratie lässt sich doch wunderbar auch auf die medien übertragen: sprachrohr des
    publikums und damit publikumspreise vor juryentscheidungen! (oder was!?)
    wie war das denn noch mit den eingebrockten suppen..hm…?

    4. „Es ist schlicht Ausdruck eines eigenen Lektürewunsches, also vom Kritiker selbst recht privatistisch gedacht.“
    natürlich ist es das! das ist es beim lesen aber immer (stichwort literacy oder auch ‚die sozialisation mit text‘)
    wie soll es denn irgendwo oder mir irgendjemanden anders sein?
    man könnte sich natürlich wieder auf objektivere rahmenrichtlinien zur bewertung beschränken:
    strenges metrum / anzahl der verse / themenvorgabe / etc.
    dann können wir auch ruhigen schlafes die klempner über dichtung urteilen lassen.

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