126. Jungliberal

Auch in der Schweiz werben die (Jung-)Liberalen aller Couleur für die Freiheit:

Bisher seien über 70’000 Unterschriften gesammelt worden, sagte Brenda Mäder, Präsidentin der Jungfreisinnigen und Co-Präsidentin des Referendumskomitees, an der Delegiertenversammlung der FDP am Samstag in Visp. Eingereicht bei der Bundeskanzlei wird das Begehren am 5. Juli, die Frist läuft am 7. Juli ab. Das Referendum ergriffen hatten die Jungparteien von FDP und SVP, die FDP sowie Exponenten der Grünliberalen, der Piratenpartei und der SVP.

Der Grossverteiler Migros unterstützte die Unterschriftensammlung finanziell. / nachrichten.ch

Migros ist, wen wunderts, der Bock als Gärtner. Der „Grossverteiler“, schönes Wort, verteilt auch Bücher im großen Stil in Ex Libris – Buchhandlungen. Wenn die Preise endlich liberalisiert sind, können Supermärkte und Tankstellen endlich die den Yuppies oder Julis wichtigen Bücher günstig anbieten. (Die anderen werden dann nach Freiburg oder Mailand fahren).

Dani Landolf schreibt:

Viel bedenklicher ist, dass von Ex Libris mit der von den meisten Schweizer Medien fast durchwegs unkritisch begleiteten Dumping-Kampagne systematisch versucht wird, die Vielfalt der Schweizer Buchhandelslandschaft – und mit ihr die Autoren und Verlage – zu zerstören. Denn wenn der Schweizer Buchhandel am Boden ist, braucht es kein Preisbindungsgesetz mehr. Und genau das ist das Ziel von Ex Libris. Das Unternehmen hat die Rabatt-Aktion nicht zufälligerweise nach dem Entscheid der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) für ein Buchpreisbindungsgesetz lanciert.

Ex Libris ist eine Firma, die keine Buchhandels-GAV-Löhne zahlt, keine Buchhändlerinnen anstellt (geschweige denn welche ausbildet), ein sehr dürftiges Bestseller-Sortiment führt und sich offensichtlich nicht um den Gewinn (teilweise liegt der Ladenpreis unter dem Ankaufspreis), sondern nur um das Ausschalten der Konkurrenz kümmern muss. Mit der Migros im Rücken kann sich das Ex Libris offensichtlich leisten. Der restliche Schweizer Buchhandel nicht.

Mit dieser Aktion gibt Ex-Libris genau die Richtung vor, in der sich ein total liberalisierter Buchmarkt bewegt: In Ländern ohne Buchpreisbindung läuft der Kampf um die billigsten Bestseller nämlich über die Supermärkte, der restliche Buchhandel steht aussen vor – und mit ihm die Autoren und Verlage, die nicht nur Massenware produzieren. Der grosse Verlierer dieser Entwicklung ist die kulturelle Vielfalt.

(1976 sang Wolf Biermann beim Kölner Konzert: „Auch Liberale werden wir befrein“. Tja, vielleicht im nächsten Jahrhundert!)

Liber, Conversations-Lexikon; oder, Encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände [2. Auflage]Band 5. Macklot, 1816:

ein Beiname des Bacchus bei den Römern, bei welchem man sich den Begriff eines Lösers und Befreiers dachte. Ursprünglich war Liber ein alt – italienischer Gott der Zeugung und Verpflanzung, der seinen Namen von dem alten Worte libare (gießen, befeuchten) hatte. Er wurde mit der Libera und der Ceres gemeinschaftlich verehrt.

Liberalität, Liberale, liberale Ideen. Conversationslexikon 4. Auflage 1817–1819, 10 Bände [Brockhaus], Band 5, 1817:

Liberalität (von liber, der Freie, daher liberales, dem Freien gemäß) bezeichnet ursprünglich den Freisinn, oder die eines freien Mannes würdige Denkart und Handlungsweise. Der eigentliche Gegensatz davon ist die Servilität (von Servus, der Knecht oder Sclave, daher serviles, dem Sklaven gemäß), mithin der Knechtsinn, oder die gewöhnlich dem Sklaven eigene Denkart und Handlungsweise; wofür man aber lieber Illiberalität sagt, weil solche Denkart und Handlungsweise auch bei Personen vorkommen kann, die sich nicht im Zustande der Knechtschaft befinden.*

Liberalismus, Brockhaus Wissen 2004:

 [aus lateinisch liberalis die Freiheit betreffend] der, Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsauffassung, die die Freiheit des Einzelnen als grundlegende Norm menschlichen Zusammenlebens ansieht und den Fortschritt in Kultur, Recht, Sitte, Wirtschaft und sozialer Ordnung als den Inhalt geschichtlicher Entwicklung versteht. (…)

Der wirtschaftliche Liberalismus erhielt seine klassische BegrüŸndung durch A. Smith, D. Ricardo, J. Mill und fand seinen Ausdruck im 19. Jahrhundert in der Forderung nach Gewerbefreiheit, freiem Wettbewerb, Freihandel und in seiner extremsten Form im Manchestertum. Staatseingriffe, wie sie fŸür den Merkantilismus typisch sind, lehnt der klassische Wirtschaftsliberalismus ab. (…) Das Gebot der Nichteinmischung des Staates gilt prinzipiell auch füŸr die Beziehung zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Die soziale Frage kann nach Auffassung des klassischen Liberalismus nur durch Selbsthilfe der Betroffenen und durch eine Verbesserung des Bildungswesens gelšst werden. Unter BerüŸcksichtigung praktischer Erfahrungen zeigt sich der wirtschaftliche Liberalismus des 20. Jahrhunderts als Neoliberalismus, dessen wirtschaftstheoretische Grundlagen weitgehend der Freiburger Schule entstammen.

[Selbsthilfe, genau!]

*) Die Stelle erklärt vielleicht ein wenig, wieso bei den letzten Bundestagswahlen so viele Leute, die kein Hotel besaßen, eine Partei wählten, die ankündigte, etwas für Hotelbesitzer zu tun (und, selbstredend, von Hotelbesitzern finanziell unterstützt wurde. M.G.

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