64. Einsiedler-Existenzen

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Hans Arp, Richard Huelsen­beck, Marcel Janco und Tristan Tzara machte sich Ball allen Ernstes daran, mit seinen dadaistischen Aufführungen ein – wie er schrieb – „Gegenspiel zum Bolsche­wismus“ in Szene zu setzen. Alle literarischen Traditionen wurden auf den Prüfstand gestellt, die Grammatik sollte zersprengt, die Syntax aufgelöst, die poetische Ordnung auf den Kopf gestellt werden. Aber schon im Sommer 1916 distanzierte sich Ball von diesem turbulenten Treiben und erklärte den Expressionismus, den Dadaismus „und andere Mismen“ zur „schlimmsten Bourgeoisie“: „Das ›Cabaret Voltaire‹“, so polemisierte nun der Avantgardist auch gegen sich selbst, „ist nichts­nutzig, schlecht, dekadent, militaristisch, was weiss ich, was noch. Ich möchte so was nicht mehr machen.“ Bärbel Reetz zeigt in ihrem Almanach-Beitrag, dass Hugo Ball trotz seiner Abwendung vom „Cabaret Voltaire“ einigen seiner Freunde treu blieb, insbesondere Hans Arp, mit dem er später immer wieder im Tessin und in Italien zusammen traf, um mit ihm gemeinsam, wie es in einem Brief von Hans Arp heißt, „das gelobte Land des Schöpferischen zurückzugewinnen“. …

Von einigen freischwebenden Intelligenzen, die dereinst mit marxistischen Überzeugungen angetreten waren, später dann als Ketzer verfolgt wurden, berichtet auch das aktuelle März/April-Heft der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Ein hier erstmals edierter Briefwechsel zwischen dem experimentellen Sprachkünstler und Grafiker Carlfriedrich Claus und dem Philosophen Ernst Bloch dokumentiert die Einsamkeit zweier undogmatischer Marxisten, die in der DDR ins Abseits gerieten, aber stets an einem Begriff der Utopie festhielten. Wie Hugo Ball führte auch Carlfriedrich Claus eine Einsiedler-Existenz, er lebte in selbstgewählter Klausur und großer Armut in Annaberg im Erzgebirge. Die Ernst Bloch-Lektüre wurde für den Mikroschriftbilder-Komponisten Claus zu einer Offenbarung, er schreibt in einem Brief von den „Stille-Punkten im Noch-Nicht-Gewordenen der Natur“, zu denen ihn die Bloch-Lektüre führte. / Michael Braun, Zeitschriftenlese im Poetenladen

Hugo Ball-Almanach. Neue Folge 2, 2011
Levelingstr. 6a, 81673 München. 216 Seiten, 16 Euro.

Sinn und Form 2/2011
Postfach 210250, 10502 Berlin. 160 Seiten, 9 Euro.

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