73. Tucholskys letzte Fahrt

Kurt Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in Göteborg an einer Überdosis Tabletten. „Letzte Fahrt“ schrieb er 1922. FR-online.de erinnert mit den Versen über seinen Todestag an den politischen Schriftsteller.

An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags Rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht …

One Comment on “73. Tucholskys letzte Fahrt

  1. Das Zitat zeigt, wie facettenreich Tucholsky war und wieviel er uns zu bieten hat, was sonst nicht präsentiert wird!
    Hier zwei Proben. * – Er schrieb aus seinem Exil in Schweden über seine Nasen-Probleme. Es ist auch noch ein Haken mehr dran an dem Tucholsky-Text. Es geht darum, ob uns die Ärzte glauben. „Die Luft dringt nicht hin, wohin sie dringen sollte….Er hat mir die Keilbeinhöhle aufgemacht. Er hat Verwachsungen gefunden, die waren knochenhart. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Nase und dem Allgemeinbefinden. Der Arzt hört nicht zu. Es ist nicht wahr, dass sich das Ganze aus der Nervosität erklärt. Es ist nicht wahr,
    dass nur, weil ich ein labiler Mensch bin, die Nase mich so kaputtgemacht hat. In der Nase muss etwas gemacht werden, was die hier nicht machen. Zweimal hat K. [ein
    anderer Arzt] das gemerkt, – ich habe ihm schwer verstört gemeldet, da sei etwas – und beide Male war es eine ganz kleine Verwachsung, die er mühlelos durchstossen hat.
    “Das Sie das merken!” und das hat sich hier etwa zehnmal wiederholt – ich habe immer gewusst, dass das nicht normal sein könne… dann hat er das beseitigt… Bilanz: Vier
    Jahre. Acht Operationen… – Soweit Tucholskys Brief an eine Freundin und Ärztin.
    *
    Aber auch das war Tucholsky: Der lange D-Zugwagen schaukelt sanft von der Gare d’Austerlitz bis zur Gare d’Orsay. Ohne Ruck hält er. Das weiße Deckchen auf dem Polster ist verrutscht, ich streiche es sorgsam glatt. Und steige aus. – Da rollt und flimmert Paris. Die kleinen roten Lampen an den Autos glitzern wie funkelnde Rubine, die Hupen gellen, hinterher seufzen sie so sonderbar erschöpft auf; der kleine Nebenton sagt: Guten Tag! – Guten Tag, sage ich.
    Und da gehe ich ganz allein über die Brücken der Seine und sehe, wie die Ausstellung noch immer illuminiert ist und wie der Concorde-Platz im bleichen Licht daliegt, auf ihm die Inselchen der rollenden Wagen . . . Guten Tag. – Und jetzt, wo niemand es hört, bewegen sich ganz leise meine Lippen, eine warme Welle schießt mir zum Herzen auf, und ich sage: Dank.
    Dank, dass ich in dir leben darf, Frankreich. (- – -) –: da stehe ich auf der Brücke und bin wieder mitten in Paris, in unser aller Heimat. Da fließt das Wasser, da liegst du, und ich werfe mein Herz in den Fluß und tauche in dich ein und liebe dich.
    (Erstveröffentlichung in: Die Weltbühne, 01.03.1927, Nr. 9, S. 339)

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