131. Verlorner Posten in dem Freiheitskriege

Ich wollte in keiner Phase meines Lebens Trotzkist sein, war allerdings in meiner Berliner-Ensemble-Zeit und bin es bis heute: ein bekennender, und das bedeutet: kritischer Brechtianer. Und weil ja Marx selber kein Marxist war, mochte ich dann auch lieber kein Marxist sein. Aber Kommunist war ich von Geburt an mit Leib und Seele: meine Mutter Emma, mein Vater Dagobert und meine Oma Meume waren für mich im Streit der Welt immer – und sind es bis heute – eine stabile Dreipunktaufhängung. Und seit etwa 30 Jahren bin ich ein Verräter. Und verraten im guten Sinne kann man nur eine falsche Idee, die man einst richtig hatte. Und das heißt: eine Idee, die einen hatte, also ein utopisches Hoffen, das man lebendig lebte, ein Glaubewissen, das man tief und begeistert erlitt. …

1982 schrieb ich dann der kommunistischen Utopie das endgültige Abschiedslied, meine Ballade „Die Mutter Erde geht schwanger“ – wo ich das „Riesenkadaverlein“, den Kommunismus, ordentlich zu Grabe gesungen habe. Ich wollte nie mehr in irgendein soziales Narrenparadies aufbrechen und dann zwangsläufig in die totalitären Höllen geraten. Ich begriff, dass der Kommunismus, das ist ja die ideale Endlösung der sozialen Frage, ein blutiger Irrweg sein muss. Dabei liebte ich schon immer und in allen Religionen die frommen und tapferen und treuen Ketzer. Also musste auch ich endlich mit meiner eingeborenen kommunistischen Kirche brechen. In dem, was Heinrich Heine in seinem Gedicht „Enfant Perdu“ den Freiheitskrieg der Menschheit nannte, will ich seitdem als Soldat wohl tapfer weiterkämpfen, aber ohne den Kinderglauben an den Kommunismus. / Wolf Biermann, Die Welt

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