55. George als Gesamtkunstwerk

Die George-Konjunktur hält an. Nach Thomas Karlaufs grosser Biografie (2007) und Ulrich Raulffs preisgekrönter Studie zur Wirkungsgeschichte des Kreises (2009) ist nun das dritte George-Buch erschienen, das sich an ein breiteres Publikum wendet. Der Berliner Germanist Ernst Osterkamp bezieht sich eingangs auch gleich auf «die gegenwärtige Wiederentdeckung Georges». Sein Buch will jedoch die zuletzt gebahnten Forschungswege nicht weitergehen. Osterkamp fordert nicht weniger als eine Kehrtwende: weg von der Konzentration auf Georges Wirkung, sein vielumrätseltes «Charisma». Hin zu den Gedichten, die doch der eigentliche Grund für die ungeheure Ausstrahlung des Meisters gewesen sein müssen. «Dass die Wirkungen des Dichters primär auf seiner Poesie beruhen und sich deshalb auch erst aus seiner Poesie erschliessen», ist die leitende Prämisse der Untersuchung.

Das klingt gut in den Ohren von Philologen und Lyrikliebhabern. Das Problem ist nur, dass Osterkamp diese Potenz der Dichtung ausgerechnet an Georges schwächstem Gedichtband aufweisen will. «Das Neue Reich» erschien 1928 und wurde von Georges Anhängern pflichtgemäss als «neue» Offenbarung bejubelt, obwohl alle wussten, dass es sich vor allem um eine Zusammenstellung alter Texte handelte. …

Das Gedicht als autonomes ästhetisches Gebilde hatte ausgedient; spätestens seit dem «Siebten Ring» (1907) waren die Verse des Meisters nur mehr Bestandteil einer umfassenden Inszenierung des Phänomens «George und sein Kreis». Der kürzlich verstorbene Gert Mattenklott hat 1970 in dem wohl originellsten George-Buch der ersten Nachkriegsjahrzehnte die Techniken dieser Inszenierung aufgezeigt. Dazu gehörten die George-Fotografien, die das knochige Dichterhaupt – gewaltige Stirnpartie, muskulöser Kiefer, trotzig vorgeschobenes Kinn – dem Betrachter so vor Augen stellen, dass ihn der bannende Blick des Meisters markerschütternd trifft. Dazu gehörten die weihevollen Lesungen, die Typografie, die Initiationsriten für neue Adepten, überhaupt die ganze Herrschafts- und Unterwerfungsliturgik des Kreises. Der späte George war demnach eher ein Gesamtkunstwerk, ein Ensemble von Verzauberungsmitteln, unter denen das Element Lyrik gewiss eine Rolle spielte, aber wohl nicht einmal die wichtigste. / Manfred Koch, NZZ 10.7.

Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte. Stefan Georges Neues Reich. Carl-Hanser-Verlag, München 2010. 292 S., Fr. 34.50.

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