67. Christoph Meckel 75

In der Badischen Zeitung gratuliert Hartmut Buchholz:

Meckel hat seinem Vater Eberhard Meckel 1980 ein in seiner Radikalität einzigartiges „Suchbild“ gewidmet, dem 2002 ein „Suchbild“ der Mutter folgte, das mit dem unerhörten Satz einsetzt: „Ich habe meine Mutter nicht geliebt“. Diese Suchbilder dokumentieren private Erschütterung, wenn nicht Entsetzen und Fassungslosigkeit, in ihnen werden die Lebenslügen deutscher Bürgerlichkeit im 20. Jahrhundert entlarvt, Mitläufertum und humanistischer Dünkel attackiert, Gefühlsverkrüppelung und Charakterpanzerung beklagt. Im Binnenraum der eigenen Familie entdeckt Meckel eine spezifisch deutsche Misere – und damit ist der Fall, sein Fall, nicht länger privat.

„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird. … Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.“

Über ein halbes Jahrhundert kontinuierlicher lyrischer Produktion: In seinen Gedichten, von denen einige durchaus die Schönheit pflegen, ist Meckel auf eine Wahrheit aus, die nur hier, in diesen Versen, in diesem lyrischen Sprechen zur Kenntlichkeit gebracht, in Reim und Strophe, Laut und Klang, Rhythmus und Melodie fixiert werden kann. Ein gelungenes, ein haltbares Gedicht wäre in diesem Sinn ein Gedicht, dessen Verse wahr sind auf nur einmal mögliche Weise. In „Nachricht für Baratynski“ (1981), auch ein Suchbild wie die grandiose Erzählung „Licht“ (1978), notiert Meckel: „Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist. Er ist eine Zumutung oder er ist Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton.“

Das Feuilleton hat ihn offenbar vergessen. Mit Wichtigerem beschäftigt. Nicht wichtig. Die Leser gratulieren.

Christoph Meckel in L&Poe:

2001     Apr     #     Kurz gemeldet
2002     Sep     #     Kurz gemeldet
2005     Mai     #41.     Schiller-Ring
2005     Jun     #40.     Christoph Meckel 70
2006     Okt     #43.     Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2007     Mrz     #74.     Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (3): 22.3.
2007     Mai     #89.     Hellsichtiger Träumer
2007     Dez     #113.     Blick zurück nach vorn
2008     Dez     #72.     Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz
2009     Feb     #21.     Prosa
2009     Mai     #2.     Meckel über Kaschnitz
2009     Jun     #77.     Melancholische Hommage

(alle im Archiv erreichbar)

Neuere seit Sommer 2009 hier

Ich kenne einen leidenschaftlichen Leser, der Meckel lesend erkannt hat, hier seine Ehrentafel:

KELLY, BRAUTIGAN, TAMMUZ, LANDOLFI,
Koeppen, Buber, Brodsky, Eigner, Barnes,
Cheever, Kristof, Bove, Guibert, Onetti,
Herhaus, Hilbig, Meckel, Coetzee, Charms.

Faulkner, Vesper, Frisch, Eich, Schmidt, Vian,
Babel, Barthes, Bataille, Albert-Birot,
Hofmannsthal, Koltes und Maupassant,
Pynchon, Bernhard, Cortazar, Blanchot.

Neumann, Nooteboom und Kennedy,
Fauser, Brinkmann, Strauß, Linhartova,
Inoue, Rougemont, Zürn, Robbe-Grillet

Handke, Tschechow, Selby, Ferenczi,
Kafka, Murakami, Baudrillard,
Pavel, Bloch, Roussel und Depardieu.

/ Thomas Kunst

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