57. Jandls Ernst

Wenn sich eine große deutsche Baumarktkette damit brüstet, dass ihre Gaga-Werbung nach Ernst Jandl klinge, dann hat der große österreichische Dichter das wirklich nicht verdient.

Vor genau zehn Jahren ist Jandl gestorben, und man darf an ein Werk erinnern, dessen Massentauglichkeit jedenfalls nicht um den Preis geschmacklicher Verflachung erkauft war. Es stecken tiefe Melancholie und anarchischer Witz in Gedichten, die sich scheinbar umstandslos in den Zitatenschatz humorbedürftiger Intelligenz eingeschlichen haben. Politische Kommentatoren wählen gerne Jandls „lichtung“, wenn sie wieder einmal ironisch festhalten wollen, dass man „lechts und rinks“ nicht „velwechsern“ kann: „werch ein illtum!“ Ewig kotzt „ottos mops“, und man kann diese Arie auf einen Buchstaben noch um den „kurzen spruch mit o“ ergänzen: „so!“ Wer ein ambivalentes Verhältnis zur Lyrik hat, der kann dieses mit einem völlig unverdächtigen Zitat begründen: „die rache / der sprache / ist das gedicht“. …

In Wahrheit hat Jandls Ernst den mehrheitsfähigen Humor stets unterlaufen. / Paul Jandl, Die Welt

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